Schwimmbadgeschichten, 8. Kapitel

Aufblasbare Einhörner

Zwei Adiletten, ein BVB Handtuch, ein gelbes und ein pinkes Duschdas-Duschgel: Daneben eine Schwimmente, ein aufblasbares Einhorn, ein Lillifee-Handtuch, benutzt und zerknüllt zurückgelegt, bereit für die nächste Tupperdosenessenspause auf der Wärmebank. Zuerst weiß ich nicht genau, ob BVB Handtuch und Einhorn zusammengehören. Erst als der Mann mit dem „Echte Liebe“-Tattoo die Kleine mit Regenbogen-Bikini und „Hello Kitty“-Schwimmflügeln durchs Wasser wirbelt, bin ich sicher. Natürlich verdächtige ich Kinder genauso wie Senioren für den Chlor-Geruch verantwortlich zu sein. Trotzdem bringt der Anblick von kleinen Döppen, die die Treppe zur kleinen Elefantenrutsche mit ihren riesigen Schwimmflügeln immer wieder raufklettern, meinen Uterus zum Glühen. Leider sehe ich nie, wie sie ins Wasser rutschen, weil die Rutschbahn parallel zum Schwimmerbecken ins Wasser führt. Kinder können Ewigkeiten im Wasser bleiben und in der Regel gibt es ein ordentliches Geschrei, wenn sie das Südbad verlassen sollen. „Nur noch einmal“ höre ich, jedes Mal, wenn ich Luft hole. Je nach Durchsetzungsfähigkeit der Eltern kann es vom ersten, „Komm, wir gehen jetzt“ bis zum tatsächlichen Vollzug des Sprechakts bis zu 30 Minuten dauern. Bei Einigen kommt es zu Szenen, in denen die Kinder an den Armen oder an den Beinen aus dem Schwimmbad in die Duschen gezerrt werden müssen. Die Kinder mit vom Brüllen hochrotem Kopf und das jeweilige Elternteil mit vom Schleppen und Packen der Schwimmutensilien samt zappelndem Kind ziemlich genervtem Gesichtsausdruck. Es gibt die Katalogmamis und -papis. Katalogmamis sind die, die mit mindestens zwei Kindern im Schwimmbad sind und davon trägt eines eine Schwimmwindel. Schwimmwindeln sind ein Zeichen dafür, dass die Frau vor noch gar nicht so langer Zeit entbunden hat. Das bedeutet, dass sie eindeutige Zeichen einer Schwangerschaft haben sollte. Der Bauch kommt zehn Monate und geht zehn Monate. Hat eine Frau, drei Monate nach einer Geburt schon wieder einen Bikini an und man sieht keinerlei Spuren einer Schwangerschaft, gehört sie für mich zur Kategorie Katalogfrau, weil das eigentlich unmöglich ist. Aber es gibt sie. Und sie haben nicht nur eine super Figur, sondern sehen auch mega entspannt aus, wie sie da mit den bildhübschen und ultraniedlichen Kleinen das Schwimmbad betreten. Der Selbstbetrug redet mir ein, dass jede nach einer Geburt wieder toll aussehen kann, aber ich weiß, dass sie lügt. Die Model-Mama, die sich grundsätzlich so gibt und bewegt, als wäre ihr ihre Erscheinung und Wirkung völlig gleichgültig, steigt mit ihren Kindern die Treppe ins warme Becken hinab und freut sich über jeden Schritt des jeweiligen Kindes. Wenn Kinder dabei sind, die schon ein bisschen schwimmen können, sieht das meistens die nächsten Minuten lang aus, wie eine Entenmama, der die Jungen hinterher schwimmen. Sehr niedlich! Und ich höre meinen persönlichen Selbstbetrug medusenartig: „Das kann ich dir auch schenken. Vertrau mir! Hör auf mich! Lass dich von mir leiten!“ Einzig die Einhörner können mich dank ihrer abschreckenden Wirkung retten. Dieser Hype ist völlig an mir vorbeigegangen. Weiß, mit Mähne und Schweif in babyblau, rosa und gelb und einem babyblauen Stern auf der Pobacke. Sie sind überall: Aufblasbar, zum Kuscheln, auf Kleidern, Hosen, T-Shirts, Unterhosen, Socken, als Emoticons, auf Twitter, Instagram und Facebook, als Limited Edition Kellogg’s Froot Loops. Schlimmer als Anna und Elsa. Ich bin neulich mit einem komischen Zug von Stuttgart nach Berlin gefahren und habe aus Langeweile die Beförderungsbedingungen gelesen – es gab kein WLAN und Netflix ging nicht –, in denen doch tatsächlich stand, dass die Beförderung eines Einhorns in Begleitung von mindestens einer Person unter 14 Jahren kostenlos ist, solange die Sicherheit anderer Passagiere nicht gefährdet sei. Ob die Implementierung von Fabelwesen in Beförderungsbedingungen ein Überbleibsel der EM in Frankreich ist, in der die Isländer ihre „Hu!“-Choreographie aufs Festland gebracht haben? Oder ist das Einhorn das symbolische „Ehe für alle“-Mantra des Jahres 2017? Wundern darf ich mich ja.

Kinder sind unberechenbar. Ich habe vor Kindern im Schwimmbad mehr Angst als vor dem Ertrinken. Die Reaktionen meines Körpers bei einem Krampf kann ich steuern. Kinder sind ein Hochrisikofaktor. Bei Kindern weiß ich nie, was als nächstes passiert. Wenn ich gerade aus dem Schwimmbecken steige und auf dem Weg zu den Duschen bin, kommen mir manchmal Horden von Kindern entgegen, wenn das Schulschwimmen stattfindet. Es gibt immer ein Kind, das völlig überdreht aus dem Rudel rennt und mit weit aufgerissenem Mund und uuuuaaarrrrgggggaaaarööööhgrölend auf mich zu rennt. Ich weiß nie, ob ich als nächstes gebissen, ins Wasser geschubst, angerotzt und mit Viren infiziert oder einfach umgerannt werde. Vor Kinderspucke und -rotze habe ich Angst. Der Ekelfaktor ist eher gering, es ist mehr die Angst vor verschiedenartigen Keimen vieler, weil die Kinder sich ja ständig gegenseitig betatschen oder abschlecken. In dem Rudel gibt es mindestens ein Kind, das mit einem gelbgrünen Schnodder aus einem Nasenloch herumrennt. Wenn ich Glück habe, passiert das nicht im Wasser. Wenn ich mir vorstelle, wie viel Wasser ich unfreiwillig bei meiner unprofessionellen Kraultechnik schlucke … Kinder sind deswegen unberechenbar, weil sie orientierungslos schwimmen. Das tun sie, weil sie kindisch sind. Ohne Drill Instructor setzt sich im Wasser natürlich der Spieltrieb durch. Das ist schön und nervt mich trotzdem, wenn ich mein Bahnenpensum schaffen will. Im Sommer ist das besser, die schwimmen alle in Freibädern – in anderen Städten, weil sich meine Stadt keine Freibäder leisten kann. Wenn ich vorm Betreten der Schwimmhalle sehe, dass Kinder mit Bällen im Schwimmerbecken sind, fahre ich wieder nach Hause. Schwimmen ist dann möglich, aber sinnlos. Wer kann schon kontrolliert Bahnen schwimmen, wenn Kinder mit Bällen spielen? Ich kann überhaupt nicht kalkulieren, wohin die als nächstes springen, plantschen, tauchen. Vor Bällen habe ich keine Angst (mehr), aber wenn ich beim Kraulen falsch atme, kann ich mein Pensum vergessen. Schlimm sind Eltern, Mütter wie Väter – machen beide –, die davon ausgehen, dass sie schon super Schwimmkinder haben. Die machen das anders als der defizitorientierte Drill Instructor: Sie nehmen ihre Kinder mit auf die Aktiv(!)bahn, auf der ich meistens schwimme. Kinder auf der Aktivbahn! Da werde ich zornig! Und dann schwimmen um sie wie eine Schutzkolonne bei einem Castor Transport um ihre Kinder und loben sie ununterbrochen „Toll“, „Super“, „Mensch, kannst du das schon gut“. Während die Kinder nur versuchen, ihren Eltern zu gefallen und bloß nicht unterzugehen. So eine Brennstabveranstaltung kann gut und gerne 15 Minuten in Anspruch nehmen – kostbare Zeit für mich. Zugegeben, es ist schon einmal vorgekommen, dass ein ganz junger Mann – okay, ein ganz junges Kind, aber das ist schon degradierend – schneller geschwommen ist als ich. Und der Kleine hatte echt Spaß! Der war mit seinem wuchtigen Papa im Schwimmbad, der völlig gelangweilt am Beckenrand herum getümpelt ist und darauf gewartet hat, dass der Schwimm-Hulk in seinem Sohn wieder zur Ruhe kommt. Der Kleine ist 40 bis 50 Bahnen sicher hin und her und her und hin, immer in die richtige Richtung, getaucht, gekrault, mit Bravur geschwommen und hat mich echt abgezockt. Und es war mir peinlich, dass ein so kleiner Bub besser schwimmen kann als ich. Das einzige Mal, dass ich Kinder vor diesem Ereignis als Konkurrenz wahrgenommen habe, war beim Skifahren, aber das ist eine andere Geschichte. Der Kleine hätte dem Drill Instructor sicherlich gut gefallen.

Am meisten am Schwimmbad schätze ich, dass ich nach jedem Luftholen in die paradiesische Stille eintauche. Ein tiefer Atemzug, dann diese ursprüngliche, pränatale Ruhe, umgeben von kräftigem, lebenswichtigem Wasser, in die ganz stark gefilterte Laute eintauchen. Ein verwunschener Raum der Ruhe, ein Ort, wo die Zeit stillsteht, Laute wie in Zeitlupe. Beim Luftholen höre ich das rauschende Plätschern meiner Arm- und Beinbewegungen im Wasser, sonst nichts. Ich höre, wie ich das Wasser verdränge, um schnell wie ein eleganter Fisch voranzukommen. Ich höre, wie ich Herrin dieser Urgewalt Wasser bin und fühle mich sehr selbstwirksam. Ich denke an die ersten Menschen, die gelernt haben, im Wasser zu schwimmen und fühle mich eins mit der Entstehungsgeschichte der Menschheit. Mit dieser Kraft und positiven Energie kann ich alles erreichen. Ich habe plötzlich das Bedürfnis mit dieser geballten Wasserverdrängungskraft den Ärmelkanal zu durchkraulen in einem schwarzen Neoprenanzug. Stille, Natur, Wasser, Adrenalin, Luft und ich. Eine Armbewegung, eine zweite, eine dritte und dann hole ich wieder Luft und der Schall der Schwimmbadgeräusche dringt kurz zu mir durch, dann wieder Stille, ein Armschlag, ein zweiter, ein dritter, dann wieder laut und lange wieder leise, eins, zwei, drei, das Geräusch beim tief Einatmen, vier, Stille … Außer, eine Schulklasse kommt. Ohne die Kinder zu sehen spüre ich die durch deren Energie freigesetzten Vibrationen. Wie wenn eine Horde Mammuts plötzlich das Hallenbad betritt zittert und bebt das Wasser, es entsteht eine Unruhe, und zwischen Armschlag drei und vier rumort es plötzlich gewaltig. Die tobenden und trampelnden Schulkinder rennen in die Halle und stürmen wie lauter kleine Obelixe das warme, kleine Becken, in dem sie mit dem Kopf voran gleichzeitig mit Beinen und Armen ins Wasser eintauchen. Sie springen nie vom Beckenrand, weil sonst die Lehrer Ärger mit den Bademeistern bekommen, das wissen sie. Wie Enten, die sich beim Enten füttern um die Brotkrümel streiten und potentielle Widersacher sofort aufgeregt verscheuchen, planschen, springen und tauchen sie im Wasser übereinander und untereinander. Ich kann mich plötzlich nicht mehr erinnern, jemals so gewesen zu sein. Meine Identifikation mit dieser störenden Masse ist gleich null. Sie sind nett anzusehen, aber sie stören meine Rückkehr in die Ursuppe. Selbst unter Wasser dringt ihr Lärm vor und stört mich beim Regulieren meiner Atmung. Beim Luftholen höre ich nun statt des monotonen Geräusches meiner schnellen Bewegung im Wasser „Waaaaaaaaaaaah!“, „Alter“, „Leckmichfett“, „fresh oder“, „gigigigigigi“ oder „iiiiiiiiih“ von den Mädchen, die keine nassen Haare haben wollen. Und diese Laute ertönen gleichzeitig, sind kaum voneinander zu abstrahieren, vielleicht sagen die Kids etwas völlig anderes und ich höre das nur falsch heraus, ich will das vielleicht nur hören, aber diese Geräuschesuppe wird in einem Lautstärkepegel, der die Anlage einer Großraumdiskothek deutlich in den Schatten stellen würde, in Endlosschleife gehalten bis die Herde das Schwimmbad wieder verlässt. Denn die Lehrer teilen die Stammgruppe in eine Plansch- und Spielgruppe im kleinen Becken und eine Lerngruppe im großen Becken ein, so dass der Dauerkrach sich verstetigt. Das ist nicht so schlimm, wie unkontrollierte Kinder im Schwimmerbecken, weil die Schulgruppen immer durch Schwimmleinen mit Hostalenkugeln eingegrenzt werden und so den Standardschwimmbadbesuchern nicht in die Quere kommen – oder wie ihnen nicht. In Städten wie dieser ist der Schwimmunterricht natürlich ein heißes Eisen, weil zu wenig Wasserfläche zur Verfügung steht und das Schwimmcurriculum eigentlich nicht abgearbeitet werden kann, weil einfach zu wenig Schwimmunterricht stattfinden kann. Die Sorgen sind dann natürlich groß, wenn irgendwo in Europa – es muss Europa sein, ein Vorfall in Indien oder China interessiert hier keine Sau – ein Schulkind ertrinkt, weil es nicht schwimmen kann. Dann beklagen alle tagelang, dass nicht genügend Wasserflächen für Schulkinder zur Verfügung stehen, dann sage ich wieder, ja aber die Alten müssen sich doch auch bewegen, sonst rosten sie ein und dann haben sich die Gemüter wieder beruhigt und es findet weiter zu wenig Schwimmunterricht statt. Trotzdem nervt es mich brutal, dass Schulschwimmen immer zu den öffentlichen Badezeiten stattfinden muss, wenn ich meine Ruhe haben möchte. Meine nötige Portion Endorphin kann ich dann vergessen, schlechte Stimmung ist vorprogrammiert und mein lieber Freund wird bluten müssen. Wutschnaubend merke ich, dass ich meine Arme mit voller Wucht bei jeder Bewegung ins Wasser knallen lasse und dass meine Beine meinen Körper mit einer mir unbekannten Leichtigkeit nur durch minimale Bewegung durchs Wasser sausen lassen. Ich bin plötzlich wahnsinnig schnell und habe zum ersten Mal die richtige Kraultechnik kapiert. Versöhnlich halte ich am Beckenrand inne, schaue mir die Lehrer an und kann meinen Augen nicht trauen: Auf dem T-Shirt der Lehrerin ist mit bunter Mähne und pinkem Schweif ein weißes Einhorn gedruckt.

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