Schwimmbadgeschichten, 2. Kapitel

Die Querschwimmerin

Die Querschwimmerin betritt die Duschen. Sie schnauft und schnauft und schnauft. Ihr Brustkorb, auf dem sich zwei riesige, hängende und schwabbelig gefüllte Brüste befinden, hebt und senkt sich. Vom Umziehen ist sie so fertig, dass sie kaum noch atmen kann. Sie sieht mich direkt an und steuert auf mich zu und mir schießt ein bisschen Adrenalin durch die Adern, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, wie ich jetzt reagieren soll. Sie ist wahnsinnig viel. Sie ist bestimmt stark. Aber sie steuert auf mich zu, bleibt abrupt stehen und verlässt die Duschen schnaubend. Ich bin wieder allein in der Gruppendusche und bin froh, dass keine anderen hier sind, die sich jetzt das Maul zerreißen würden. Ich müsste dann mitmachen beim Maulzerreißen, weil man das so macht, aber ich fands jetzt gar nicht so schlimm. Gesehen habe ich sie schon oft. Wir haben ziemlich die gleichen Schwimmzeiten. Oder sie ist eben immer da und ich halt relativ oft. Sie ist meistens schon vor mir da und sie bleibt eigentlich immer länger als ich. Heute habe ich sie das erste Mal gesehen, bevor sie im Becken war. Vielleicht hat sie das verunsichert. Ich bin heute aber auch extrem früh da. Mein Freund ist in Holland beim Segeln – endlich in seinem Element und mir ist es im April einfach zu kalt. Sie ist eine Schwimmerin, die jedem Schwimmbadbesucher auffallen muss. Sie ist super dick, hat pechschwarze Haare und Augenbrauen, die in der Mitte zusammen gewachsen sind. Das entspricht natürlich überhaupt nicht dem Katalogschönheitsideal und muss in unserer heutigen Gesellschaft ein Zeichen von Absonderlichkeit, wenn nicht sogar Behinderung sein. Sie hat immer einen schwarzen Badeanzug an und ist immer allein im Schwimmbad. Das sind wir alle oder die meisten. Nur an den zwei Warmbadetagen – die sich die Stadt nicht immer leisten kann – sind die Rentergangs da, aber zu denen komme ich später. Aber bei ihr ist das ein weiteres Zeichen davon, dass sie zu den Menschen gehört, die der Otto-Normal-Bürger lieber in speziellen Dörfern vor der Stadt sehen möchte. Da ich sie heute zum ersten Mal mit ihrem ganzen Körper sehe, denn normalerweise sehe ich ja nur Kopf und Rumpf, weil ich sie im Wasser treffe, sehe ich, dass ihre Schamhaare an den Lenden seitlich des Badeanzugs heraus sprießen wie gelocktes Kraushaar unter einer Mütze hervor ragt. Das Schamhaar wächst ihr bis auf den Oberschenkel. Eine Bikinizonenrasur ist ein absolutes Muss in unserer hochentwickelten Gesellschaft und wer sich diesem Must-Have entzieht, darf es auf gar keinen Fall zur Schau stellen, muss also einen Badeanzug tragen, der unbedingt die Bikinizone komplett bedeckt und am besten auch noch die Oberschenkel. Als Beleg für diese These dient ein Dialog zwischen Dakota Johnson alias Alice und Rebel Wilson alias Alice im unterirdischen Film „How to be single“, den mir Netflix vorgschlagen hat, weil ich angefangen habe, „Männerherzen“ anzuschauen.

Robin: „You really need to get that taken care of.”

Alice: “What do you mean? I barely have any hair.”

Robin: “You should close your legs … Is that Tom Hanks from Cast Away? Seriously, its like Gandalf is staring right at me: No penis shall pass!”

Ich stelle mir also die Vagina einer Frau vor als die Brücke von Khazad-dûm vor, auf der ein Miniatur-Gandalf einen in Flammen stehenden Dämon-Penis aus einer alten Zeit mit seinem Stock abwehrt und mit einer theatralischen Pause hinter jedem Wort ruft: „Du – kannst – nicht – vorbei!“ Und alles brennt lichterloh. An Dakota Johnson kommt Frau im 21. Jahrhundert leider nicht mehr vorbei, selbst wenn Frau – wie ich – „Fifty Shades of Grey“ nie gesehen hat, deswegen erscheinen mir Zitate aus Filmen mit ihr als wohl bestes Zeitdokument für die sexuelle Emanzipation meiner Generation. Die Assoziation kommt auch daher, dass die Querschwimmerin Dakota Johnson irgendwie gar nicht so unähnlich sieht. Diese unschuldige Lächeln, diese Lolita-Augen unter dem Riesenpony, dieser naive, ja, leere Blick, der auf eine Überraschung wartet, um aus der gelangweilten Erstarrung zu erwachen … Nur, die Querschwimmerin hat eindeutig keine Bikinizonenrasur hinter sich – von Dakota Johnson weiß ich das letztlich nicht und will es auch nicht wissen. Unrasiert = Indiz für eine mögliche Asozialität! Ich habe die Querschwimmerin schon öfter beim Schwimmen beobachtet, weil sie eigentlich sehr schnell schwimmen kann, aber manchmal schwimmt sie außer der Reihe. Als gesittete Otto-Normal-Schwimmbadbesucherin schwimme ich immer eine volle Bahn in die eine Richtung, wende und schwimme eine volle Bahn in die andere Richtung. Das machen alle so. Wir schwimmen alle die gleichen zwei Richtungen hin und her, immer entlang der 25 Meter langen Seite des Beckens. Einmal ist mir aufgefallen, dass sie eine halbe Bahn geschwommen ist, in der Mitte, also mitten im Becken umgedreht ist und wieder zurück geschwommen ist! Das geht gut, wenn das Schwimmbad nicht voll ist. In der Regel ist das Schwimmbad aber proppevoll, weil es viel zu wenig Wasserfläche für die ganzen Menschen in dieser Stadt gibt, so dass es in sozialen Netzwerken regelmäßigen einen mittelschweren Aufschrei gibt, wenn das Südbad mal wieder wegen einer Veranstaltung oder wegen Wartungsarbeiten schließen muss. Ich bin zugegebenermaßen dann auch jedes Mal ziemlich angepisst, aber ich gehe dann halt joggen. Wenn das Schwimmbad nun also gut besucht ist und sich eine Schwimmerin erdreistet, aus der Reihe zu schwimmen und einfach in der Beckenmitte langsamer zu werden und auch noch umzudrehen, ist das Gemotze groß. Nicht beim ersten Mal, aber wenn eine Schwimmerin diesen Fauxpas konsequent durchzieht und zwar in einem absolut willkürlichen und damit für die anderen Schwimmer unkalkulierbaren zeitlichen Abstand, kommt es zu Belehrungen, die in Beschimpfungen münden, wenn das beschimpfte Objekt sich nicht belehren lässt. Ich hatte damals keine Ahnung, warum sie das gemacht hat. Sie schwimmt, wie gesagt, gut  Sie schafft locker ganze Bahnen. Offensichtlich hatte sie aber nur Lust, halbe Bahnen zu schwimmen. Sobald ich das Muster erkannt hatte, habe ich mir eine andere Bahn gesucht. Die hinter ihr schwammen jedoch, wurden stocknarrisch und haben sie als dumm bezeichnet, nachdem das korrekte „Entschuldigen Sie, aber könnten Sie bitte ganze Bahnen zu Ende schwimmen, damit wir hier nicht kollidieren?“ nichts gebracht hatte. Sie schaute die Leute mit ihren fast schwarzen Kulleraugen an ohne zu Zwinkern, was mir ein bisschen Angst mache, drehte sich um und schwamm ihre halbe Bahn zu Ende, um dann im Wasser innezuhalten, lange in eine Richtung zu blicken, sich ohne die Arme zu bewegen durch reine Beinbewegung umzudrehen und wieder mit der Kraft der Arme und der Beine zurück zum Beckenrand, von dem aus sie gestartet war zu schwimmen. Die anderen Schwimmer, die ja wie sie alleine da waren, waren plötzlich geeint in ihrer Aufregung gegen die Dicke mit den Schamhaaren. Das ist bestimmt schon vier Wochen her. Heute gehe ich in den Beckenbereich und sehe, dass sie noch am Beckenrand steht. Heute läuft kein Radio, schade, warum nicht? Sie steht am Beckenrand und tritt auf der Stelle von einem Bein auf das andere. Es sieht aus als müsste sie pinkeln. Ich schenke ihr keine Beachtung mehr und widme mich meiner Aufwärm-Zehn-Bahnen-Brust-Runde. Heute ist es nicht so voll, ich komme gut zurecht und bin in 4 Minuten meine Aufwärmrunde geschwommen. Ich verweile am Beckenrand, um meine Taucherbrille aufzusetzen, die ich nun die restliche Zeit über aufbehalten werde, da sehe ich, dass sich am Beckenrand etwas bewegt. Sie dreht sich. Sie hat ihre Arme weitausgestreckt, als würde sie gleich wie ein Schmetterling losfliegen und dreht sich im Kreis. Obwohl sie so unförmig und dick ist, sieht sie sehr elegant aus, weil sie lacht. Sie strahlt wie ein kleines Kind. Lachen habe ich sie noch nie gesehen. Normalerweise zieht sie die Mundwinkel ganz weit nach unten. Den Blick kenne ich von meiner Mutter und auch von mir, wenn ich mich nicht konzentriere oder an nichts denke, sehe ich aus wie der traurigste Mensch auf der ganzen Welt, obwohl mir genauso wie meiner Mutter bis jetzt nichts Tragisches passiert ist. Jetzt höre ich sie sogar lachen. Sie dreht sich zunächst auf der Stelle, aber ich sehe, dass sie anfängt, sich zu bewegen, wie ein langsamer, dicker Kreisel, der sich plötzlich und unkontrolliert in Bewegung setzt. Sie dreht sich einmal hin zum Beckenrand und einmal weg vom Beckenrand. Die Leute, die an der äußeren Bahn auf ihrer Seite schwimmen, schütteln mit den Köpfen. Wieder vereinen sich diese Einzelgängerinnen – heute sind es nur schlanke, echtblonde Frauen, die vermutlich eine Ayur Veda Diät machen, weil sie so ein Knochengerippe sind, mit einer schönen, gesunden Hautfarbe – in ihrer Abneigung gegen sie. Und tatsächlich, sie dreht sich in gefährliche Nähe zum Beckenrand, hält inne, blickt ganz kurz nach unten, hält sich die Nase zu und springt wie ein kleines Mädchen über das „Vom Beckenrand springen verboten“-Schild ins Wasser – ich springe nie vom Beckenrand, wenn mein Freund alibimäßig einmal im halben Jahr mitkommt, springt er immer vom Beckenrand, davor duscht er aber mindestens 10 Minuten kochend heiß, so dass dieser mit der Natur kämpfende Mann, die krasse Abkühlung braucht, der Anblick meines Wotans im Südbad ist sowieso gewöhnungsbedürftig, weil sein Körper in einem künstlichen Raum wie dem Schwimmbad völlig deplatziert wirkt, der gehört an den Strand von Voidikilia auf ein Segelboot wie Achilles auf dem Weg nach Troja. Sie taucht ganz kurz unter, taucht auf, mit ihren zotteligen Haaren im Gesicht und lacht. Ohne sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen, verlässt sie das Becken und beginnt, sich von Neuem zu drehen. Mein Blick richtet sich auf das Bademeisterhäuschen neben der Frauendusche. Darin sitzen ein junger Mann und eine junge Frau, die schmunzeln, sich aber offenbar nichts anmerken lassen und auch nicht vorhaben, die Dicke für ihren Sprung vom Beckenrand zu rügen. Zum Glück, das wird man ja wohl mal machen dürfen. Die Ayur Veda Fraktion auf der äußeren Bahn hingegen ist empört. Sie rufen ihr zu, das geht noch nicht, was soll denn das, man müsse schon Rücksicht nehmen. Ich weiß, dass ich jetzt sagen müsste, dass doch alle anderen Bahnen frei seien und sie einfach auf einer Bahn weiter in der Mitte schwimmen sollen, ich weiß, dass ich jetzt öffentlich Partei für die Dicke ergreifen muss, aber ich mache es nicht. Stattdessen ziehe ich endlich meine Taucherbrille über den Kopf, drücke sie an den Augen fest und beginne zu kraulen. Immer, wenn ich auf der Seite des Beckenrands mit ihr Luft hole, sehe ich, dass sie sich weiter dreht und ich sehe, wie sehr sie sich freut. Ob sie Musik hört? Im Radio lief gerade der Popsong, ja da müsste Musik sein, wo auch immer du bist, und wenn es am schönsten ist, spiel es wieder und wieder … Ja, das passt zu ihr. Mit ihr könnte man ein schönes Musikvideo drehen. Ein bisschen beneide ich sie. Jetzt traut sie sich, ohne kurz innezuhalten und direkt aus der Drehbewegung heraus ins Becken zu rollen und unterzutauchen. Den Sprung selbst verpasse ich. Sie taucht auf und strahlt noch viel mehr, das sehe ich, obwohl ich ihre Augen unter den ganzen Haaren nicht mehr sehen kann. Die Empörung der schlanken Blonden führt nun zu Beschimpfungen. Nanana, da verlieren aber zwei ihre Contenance.

Als ich kurz auftauche um ein paar Atemzüge zu nehmen, merke ich, wie sie versuchen, mich in ihre Allianz einzubeziehen, indem sie zwar miteinander über die Dicke sprechen, aber mich fragend einbeziehen, Die hat sie doch nicht mehr alle, oder? und bei dem oder? blicken sie mich an. Ich halte mich raus. Schon wieder ergreife ich nicht die Partei der diskriminierten Dicken. Warum eigentlich nicht? Das Bademeisterduo reagiert auch nicht. Sie lassen sie einfach. Und sie dreht sich und dreht sich und dreht sich. Sie hört erst auf, als das Bad plötzlich um 08:30 Uhr voller wird. Sie hört aber nicht auf, ohne einen weiteren Coup auf Lager zu haben: Sie lässt sich ein letztes Mal ins Wasser fallen und schwimmt plötzlich quer. Das gibt es nicht! Sie schwimmt nicht, wie wir alle, die Bahnen nach ihrer langen Seite, wie sie auch auf dem Beckenboden skizziert sind, nein, sie schwimmt sie entlang der Breitseite und damit kreuzt sie jeden Schwimmer, der gerade im Becken ist. Das stört auch mich, aber ich lasse mir das nicht anmerken. Niemand reagiert cool. Die Empörung wächst. Ob alle auch so empört wären, wenn sich eine der blonden Ayur Veda Frauen mit ihrem Katalogkörper – wie haben die einen so prallen Busen in ihren Badeanzug bekommen? – mit ihrer braungebrannten und selbst im Wasser nach Gesundbrunnen duftenden Haut und der sicher blankrasierten Bikinizone erdreisten würde, quer zu schwimmen? Das wird ein Gedankenexperiment bleiben, weil eine blonde Ayur Vedistin ohne Schamhaare die Norm des Längsseitenschwimmens wohl kaum durchbrechen wird. Nach 40 weiteren Bahnen nerven mich die Unterbrechungen und ich verlasse die empörte Masse und gehe duschen. Ich schäume meine Haare ein und spüle sie ab, wofür ich meine Augen kurz schließen muss. Als ich sie öffne, steht die Querschimmerin da und schaut mich an. Sie blinzelt oder zwinkert nicht. Ich bin splitterfasernackt und sie schaut sich mich genau an. Unverhohlen schaut sie mir erst gar nicht ins Gesicht. Sie schaut mich einfach nur an. Atmet tief ein und aus. Geht zwei große Schritte auf mich zu ohne mir ins Gesicht zu sehen. Sie sieht aus wie ein großer Tannenbaum mit ganz dichtem Geäst, die Arme so weit vom Körper gespreizt, weil anscheinend ihre Körpermasse zu einer Fettansammlung zwischen Achseln und Rücken geführt hat, dass dieser Zustand wohl das äußerste Maß an angelegten Armen ist. Ein schwimmender Tannenbaum. Sie seufzt und lässt mich alleine. Das war jetzt komisch und ich bin froh, dass ich mich schnell umziehen gehen kann. Heute gehe ich ausnahmsweise in eine Einzelkabine.

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