AlptraumA

Wie können Menschen das Risiko in Kauf nehmen, zwielichtigen Schleppern bei einer gefährlichen Fahrt mit unsicheren Schlauchbooten über das schwer kalkulierbare Meer zu vertrauen? Was sind das für Regierungen, die lieber ihr eigenes Volk der größten Lebensgefahr aussetzen als den Bürger*innen eine Perspektive zu bieten, die sie bleiben lässt? Warum dürfen Menschen Regierungen bilden, die nicht alles unternehmen, um Schaden vom eigenen Volk abzuwenden? Was geht in den Menschen vor, die ihr Leben riskieren, um den Heimatländern zu entfliehen? Und warum erstarken durch das Versagen von Regierungen wie denen in Libyen, Syrien, Guinea, Eritrea und Afghanistan bei uns die Rechten mit einer „Wir können nicht alle aufnehmen“- und „Kontrollverlust“-Rhetorik, obwohl doch bei uns niemand mit einem Schlauchboot über die Ostsee nach Schweden aufbrechen will?

Vor über einem Jahr hatte ich einen Alptraum. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben, weil ich Angst davor habe, durch das Schreiben darüber böse Geister heraufzubeschwören, die aus dem Alptraum eine wahre Tragödie machen. Beim Schreiben muss ich den Aberglauben überwinden, dass durch das Thematisieren eine selbsterfüllende Prophezeiung in Gang gesetzt wird, was Blödsinn, aber gleichzeitig Teil des Phänomens dieser surrealen Angst um die eigenen Kinder ist. Ich habe geträumt, dass mein Kind neben mit ins Wasser fällt und ertrinkt. Ich stehe im strahlenden Sonnenschein daneben und kann nichts tun. Tatsächlich kann man das auch nicht, wenn Kinder, die nicht schwimmen können, ins Wasser fallen. Erwachsene können auftauchen, nach Luft japsen, sich mit den Armen über Wasser halten, eine Zeitlang. Kinder sind orientierungslos. Sie tauchen nicht mehr auf. Das war ein schlimmer Traum, eine schreckliche Nacht. Aber als Mutter habe ich sofort alle Maßnahmen ergriffen, die nötig sind; ich habe mein Kind in einem Schwimmkurs angemeldet und drei Paar Schwimmflügel gekauft. In meinem Traum waren wir im Urlaub. Und das hat mich irritiert. Jeden Tag sehe ich die Bilder davon, wie Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken. Wie die Aquarius Menschen rettet und Menschen nicht retten kann. Sofort kann jede*r von uns das unvorstellbar schmerzhafte Bild von Alan Kurdi abrufen, das die meisten sofort verdrängen müssen, weil es so wehtut, dieser leblose kleine Junge am Strand. Weil es so schwer zu ertragen ist, dass das wirklich passiert. Und ich habe einen Alptraum vom Ertrinken, der damit in keinerlei Zusammenhang steht? Ich höre in mich, gehe den Traum noch einmal durch, die Tage davor und spüre, da gibt es wirklich keinen Zusammenhang. Wie kann das sein? Mein träumendes Unterbewusstsein kann diese Verknüpfung nicht herstellen. Im Traum habe ich einfach, was nie und nimmer passieren wird, vergessen, meinem Kind beim Schwimmen Schwimmflügel anzuziehen. Das war während des Träumens und sofort nach dem Aufwachen klar, brachte die Erleichterung, zum Glück, nur ein Alptraum. Heute frage ich mich, warum ich nicht einmal unterbewusst davor Angst habe, jemals in eine ähnliche Situation wie Tausende verzweifelte Frauen und Mütter zu kommen, in der ich mein Kind durch ein hohes Risiko vor dem Überleben retten muss. Dabei passiert doch genau das, Kinder gehen einfach unter auf dem Mittelmeer, unserem Urlaubsmeer, das Ertrinken eines Kindes durch ein unsicheres Fluchtboot ist also realistischer als Schwimmflügel zu vergessen. Mein deutsches sicherheits- und wohlstandsverwöhntes Unterbewusstsein ist sich sicher, mir wird das nie passieren. Dabei haben wir Mütter doch ständig Angst. Oft surreale Angst. Ständig sind wir in Sorge. Klettern die Kinder eine zu hohe Leiter hoch, bekommen wir schweißnasse Hände, wenn wir ihnen beim Herunterklettern zusehen. Einmal war ich mit meinem kleinen Kind auf einer Rutsch, die sogar für mich zu hoch war. Als wir unten angekommen sind, war ich schweißgebadet. Viele sind cooler als ich, aber auch Kindern passieren schlimme Dinge. Ich bin nicht mehr Helikoptermutti als andere, ich finde Lernen durch Schmerzen und blaue Flecken vom Rennen und Stolpern gehören zu einer glücklichen Kindheit und trotzdem bin ich seit ich Mutter bin nie mehr frei von Angst oder Sorge gewesen. Haben wir Babys, gehen wir oft ganz nah an sie heran, weil wir Angst haben, dass sie aufhören zu atmen. Kommt die erste Erkrankung, ein richtig schlimmer Husten, Erbrechen, haben wir Angst, dass sie ersticken. Wir machen uns Sorgen, wenn sie Fahrrad fahren lernen, wenn sie stürzen, fallen, Auto fahren lernen, alleine abends ausgehen.  Das gehört zum Muttersein dazu. Die Ängste einer Mutter übersteigen oft jedes vorher dagewesene Maß an Emotion. Was also geht bloß in diesen Frauen vor sich, die ihre Kinder solch einer Gefahr aussetzen? Wie schlimm muss die Situation vor Ort gewesen sein, fragen sich die einen, zu denen ich gehöre. Wie verantwortungslos und dumm, fragen sich die anderen. Die Vielzahl an Meldungen von im Mittelmeer Ertrunkenen, die wir hören und lesen, lassen uns immun, stumpf und blind werden. Wir übersehen die Individualschicksale und vergessen, dass ein solches Risiko niemand in Kauf nimmt, der oder die eine andere Aussicht hat.

Ich stelle mir also vor, ich sitze mit meinem Kind auf einem dieser Schlauchboote. Um uns das raue Mittelmeer, völlige Orientierungslosigkeit, kein Land in Sicht, sengende Hitze und viel zu hohe Wellen, ununterbrochener Wellengang und jedes Mal, wenn die Welle kommt, die Unterdrückung der Panik, dass es jetzt vorbei sein könnte. Das gewaltsame Umklammern des Kindes, das auf gar keinen Fall aus dem Boot fallen darf, das unbedingt gerettet werden, überleben muss. Eine alles zerfressende und jedes andere Gefühl betäubende Angst. Die Angst um das eigene Kind ist viel größer als jede Angst, die Mütter um ihrer selbst Willen aufbringen können. Sie setzt Kräfte und Energien frei, die einem vorher niemand zutraut, am allerletzten man selbst. In meinem zwei mal zwei Meter Bett liegend versetze ich mich in die Lage auf einem vom Kentern bedrohten Schlauchboot im Mittelmeer. Wenn Eltern mit ihren Kindern einen Badeausflug machen, werden Schwimmflügel, Schwimmenten, Einhörner, aufblasbare Flamingos, Strandmuscheln für den Schatten und Sonnencreme en masse eingepackt. Es fällt mir mehr schwer, mich mit meinem Kind auf so einem Schlauchboot völlig ungeschützt und ohne Vorsorge gegen etwaige Eventualitäten vorzustellen. Einer Bürgerin der deutschen Luxus- und Überflussgesellschaft fällt dieses Gedankenexperiment schwer. Und das ist eigentlich etwas Gutes. Trotzdem versuche ich es. Wir sitzen in meiner Vorstellung also auf diesem Boot und wir sind nicht alleine. Andere Menschen stellen oft eine unterschätzte Bedrohung dar. Besonders Eltern, die selbst ihre Kinder retten wollen, können gefährlich werden. Eltern, die sich selbst und jeden anderen für das Leben der eigenen Kinder opfern würden, sind ein Hochrisikofaktor auf einem Hochrisikoboot. Diese anderen Umsüberlebenkämpfenden würde mein Ich im Überlebensmodus dauerhaft von meinem Kind fernhalten. Das Beschützen des eigenen Kindes vor jeglichem Kontakt mit anderen wäre ein solcher Kampf, der so absolut und existentiell ist, der in der schrecklichen Fantasie schon alles von mir abverlangt. Denn neben dem Kampf ums Überleben verläuft der Kampf gegen die Angst parallel her. Denn die Angst bringt Panik, die Panik der Mütter bringt Hysterie bei den Kindern. Das wäre das Ende.

Weil das alles zum Glück ein Gedankenexperiment bleibt und ich mir nur ausmalen kann, dass meine Fantasie nicht einmal ansatzweise an die Schrecken der Realität heranreichen, frage ich eine Bekannte. Ich spreche mit einer Frau, die das durchgemacht hat, nur anders, weil jede Geschichte anders ist. Sie hat ihre vierjährige Tochter von Sierra Leone auf den Weg nach Deutschland geschickt. Auf dem Papier ist diese vierjährige Kleine eine UMA, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Die Jugendhilfe greift, sie wird versorgt. Administrativ abgehakt. In persona ist sie mit ihrem pinken Haarreif und dem Tutu-Kleidchen mit Elsa und Anna drauf eine Prinzessin. Ihre Mutter spricht mit mir. Wie sie das tun konnte, ob sie denn keine schreckliche Angst gehabt habe. Sie sagt, sie habe keine Wahl gehabt, no choice. Sexual Mutilation, terrible. People very evil. Flucht oder Tod. Sie saß nicht mit ihrem Kind auf dem Boot. Sie hat ihr Kind vorgeschickt und sich eine Weile versteckt. Sie hat für die Flucht des Kindes mehr Geld bezahlt als für die eigene. Wie sie es letztlich geschafft hat, erfahre ich nicht. Es wird gemunkelt, was ihr alles widerfahren ist, auf dem weiten Weg in die zentrale Aufnahmestelle. Ich hake nicht nach. Sie sagt nur noch, dass sie die schlimmen Bilder von den Booten mit den toten Kindern erst später gesehen hat. Ob sie es trotzdem gemacht hätte? Ja, sagt sie. No choice. Ich weiß nicht viel über Sierra Leone, ich weiß von Blutdiamanten, weil ich einen Film mit Leonardo Di Caprio mit dem Titel „blood diamond“ gesehen habe, ich weiß, dass Ebola ausgebrochen ist. Ich weiß, dass das Land wirtschaftlich schlecht aufgestellt ist und ich weiß, dass dort Mädchen im Sinne einer Frauenbeschneidung verstümmelt werden. Wie ihre Tochter die Überfahrt überstanden hat? Sie weiß es nicht oder sie spricht nicht darüber. Ich weiße Deutsche habe oft den Impuls, zu sehr nachzufragen, Erzähltes falsifizieren oder verifzieren zu wollen. Kausale Zusammenhänge zu erkennen. Dabei weiß ich doch, dass traumatisierte Kinder in Ruhe gelassen werden sollen, dass kein Finger in deren Wunde gelegt werden darf. Dass sie nicht darüber sprechen müssen. Und dann schüttele ich den Kopf, weil ich merke, wie abgestumpft ich gegenüber dem Begriff Trauma geworden bin. Die sind halt traumatisiert. Als gäbe es DAS Trauma. Ich habe mich daran gewöhnt, dass so viele traumatisiert sind, ohne dass ich jemals wieder den Transfer hinbekommen habe, was das eigentlich bedeuten kann. Wie leicht es ist, Bürgerin eines Aufnahmelandes zu sein. Ich bin Teil eines Landes, dass Leid verhindern kann. Wie leicht es ist, wenn man Glück hatte, in einem Land geboren worden zu sein, in dem es keine mörderische Regierung, keine fanatische Genitalverstümmelung, keine Blutdiamanten, keinen Krieg um Öl, keinen Krieg, kein ISIS und keine verheerenden Naturkatastrophen gibt. Es ist so leicht, zu fordern, dass Eltern Verantwortung für ihre Kinder übernehmen sollen, wenn es darum geht, Bitte und Danke zu sagen, sich zu entschuldigen, wenn die Kinder einen Fehler machen, zu teilen und sich mit Spielzeug abzuwechseln. Es ist so leicht, zu fordern, bestimmte Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu vermitteln. Zu fordern, dass Migrant*innen sich an diesen Werten orientieren sollen. Die Mutter der kleinen Prinzessin aus Sierra Leone will ihre Tochter nicht zur Schule schicken, weil sie Angst davor hat, dass die Kleine dort untergeht. Sie lässt sie nicht mehr los. Wenn es nicht unbedingt sein muss, maßregelt sie sie nicht. Lehrer*innen werden ihr trotzdem bald vorwerfen, dass ihr Kind zu viele Fehlstunden hat, dass sie dem Erziehungsauftrag nicht richtig nachkommt. Ihr wird das egal sein. Sie hatte nicht den Traum von einer besseren Zukunft. Sie ist und bleibt im Überlebensmodus. Ihr Radar hat eine gelungene Integration nicht auf dem Schirm. Sie will einfach nur die ganz normale Angst einer Mutter um ihr Kind haben, was auch immer normal für sie sein kann. Einfach nur Alpträume haben, die nie Realität werden können. Weil sie endlich in Sicherheit sind.

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