Schwimmbadgeschichten: 1. Kapitel

Schwimmende Beobachtung

Nirgendwo können die aktuelle Haushaltslage einer Stadt, der demographische Wandel und die kommunale Integrationsleistung so deutlich abgelesen werden, wie im städtischen Schwimmbad. Sind die Fliesen der 25×10 Meter-Becken im 70er Jahre orange-braun oder grün, kann man davon ausgehen, dass in den letzten 40 Jahren nur die Abwasserleitungen und der Brandschutz saniert worden sind. Gibt es hingegen ein glänzendes Alu-Becken, sogar eine 50 Meterbahn, in deren paradiesisch blauem Wasser zu einem geputzten Fenster hingeschwommen werden kann oder Highlights wie ein Außenbecken mit Spielwiese oder ein Luxusangebot für Eltern in Form eines Kleinkindbeckens mit blauen Mosaikfliesen, hat hier ein privater Investor die große Bürde auf sich genommen, einen vermutlich defizitären Schwimmbadbetrieb zu übernehmen. In Städten, die im Nothaushalt sind oder die seit Jahren rote Zahlen im Haushalt stehen haben, gibt es solche Schwimmbäder in der Regel nicht. Dort sind sogar die alten, verschimmelten Schwimmbäder von der Schließung bedroht, weil sich die Stadt keine Bademeister mehr leisten kann oder die laufenden Betriebskosten zu hoch sind. Das Bad, in dem ich meinen Körper regelmäßig trainiere, ist das Südbad einer Stadt am Fluss, die ziemlich pleite ist. Pleite ist euphemistisch untertrieben, gestern stand im Lokalteil der Zeitung, dass sich aktuell ein neues Haushaltsdefizit von 35 Millionen aufgetan hat – ups. Urplötzlich wie vom Himmel gefallen wurde bekannt, dass ein lokal angesiedelter und global agierender und weltweit bekannter Einzelhändler einen großen Batzen Gewerbesteuer sparen kann, weil er im letzten Jahr so hohe Investitionen in die Stadt gepumpt hat. Das ist langfristig gut. Im Geschichtsstudium habe ich aber gelernt, dass langfristig immer schwierig ist: „In the long run, we are all dead“, zitierte da der Professor die die Wirtschaftstheorien von Keynes und machte Milton direkt und anachronistisch für die Agenda 2010 und die Armut der Leute verantwortlich. In Anbetracht der bröckelnden Fliesen in meinem Schwimmbad und der Decke, bei der ich jedes Mal Angst habe, dass mir irgendein Plastikteil auf den Kopf fällt, hatte der Prof vermutlich recht. In meinem Schwimmbad schimmeln nicht nur die Duschen. Die Umkleidekabinen sind schäbig, die Fenster sind noch nie geputzt worden, es stinkt im Wasser nach Klo und auf dem Boden tummeln sich Pflaster, die kurz davor sind, lebendig zu werden und sich wie kleine Axolotl am Boden entlang zu wurschteln. Ich finde diese Pflaster echt eklig, aber die Vorstellung, wofür diese Pflaster eigentlich gedacht waren und warum man oder frau damit schwimmen geht, widern mich so richtig an. Ich vermeide einfach,  mir über diese Pflaster und ihre Verwendung den Kopf zu zerbrechen. Die einzige Lichtquelle stammt von den von Dreck beschlagenen Fenstern, die in ungefähr drei Metern Höhe erst anfangen. Wenn ich Glück habe, scheint die Sonne, dann ist es nicht dunkel, manchmal sogar hell und vereinzelte Schwimmbahnen sind von dem Sonnenlicht, dass es durch die dreckigen Schlieren am Fenster geschafft hat, durchflutet. Wenn ich Pech habe, schwimme ich in einem graublauen Tümpel, der in seiner Trübheit an ein Biotop erinnert. Das Sonnenlicht im Schwimmbad ist nur dann zu genießen, wenn die Taucherbrille so beschlagen ist, dass ich dadurch nur Konturen anderer Schwimmbadbesucher nicht aber die kleinen Partikel, die mit mir im Wasser schwimmen, erkennen kann. Könnte man Bakterien mit bloßem Auge sehen, sähen sie genauso aus. Dazu kommen kleine Härchen und große, lange Haare und kleine Stoffteile, die aussehen wie ein Taschentuch, das in der Waschmaschine aus Versehen mit gewaschen worden ist – eine Unannehmlichkeit, die mir übrigens ständig unterläuft. Wenn man genau hinsieht, bröckelt an allen Ecken und Enden der Putz ab und die Lampen im Wasser, die auf Schwimmingpoolfotos von Urlauben und Hotels bei Tripadvisor eine romantisch-entspannte Atmosphäre vermitteln, die ich in meinem Schwimmbad noch nie in Betrieb gesehen habe, sind bereits leicht vergilbt und grün. Ich liebe dieses Schwimmbad trotzdem. Zugegeben, ich kenne absolut niemanden, der oder die gerne schwimmen geht. Ich bin immer alleine mit den anderen, die vermutlich auch niemanden kennen, die gerne schwimmen gehen. Aber es gibt immer Gruppen von offensichtlichen Rentnerinnen und Rentnern, die sich verabreden oder zufällig immer zur gleichen Zeit kommen, als Art stille Verabredung, weil der Tagesrhythmus sich untereinander angeglichen hat. Später mehr dazu.

Ich gehe also drei- bis viermal pro Woche in mein geliebtes Südbad. Jedes Mal, überwinde ich davor meinen inneren Schweinehund.

Abends:

Wie schön wäre es, jetzt einfach im Warmen zu bleiben, eine Riesenportion Nudeln mit selbstgemachter Tomatensauce zu essen oder mit deinem Freund eine Pizza zu backen, die ihr dann vor House of Cards gemütlich aufesst.

Morgens:

Wie schön wäre es jetzt, eine Stunde länger zu schlafen. Der Tag wird lang genug, du hast abends noch Termine, bleib liegen und schlaf! Das wird dir gut tun. Jetzt vom Bett aus ins kalte Wasser, brrrrrr … Das ist doch nichts.

Am Wochenende:

Wie schön wäre es jetzt, das Angebot anzunehmen und dir von deinem Freund einen leckeren Latte Macchiato mit eurer neuen Kaffeemaschine brühen zu lassen. Bleibt zu zweit im Bett liegen bis ihr Hunger bekommt und aufstehen müsst. Die Decke ist so kuschelig warm …

Und am Wochenende, wenn du am Abend vorher getrunken hast, spät respektive früh nach Hause gekommen bist und einen echten Hangover hast:

Bleib einfach liegen. Das ist die beste Therapie gegen die dröhnenden Kopfschmerzen und den Kater. Im Wasser wirst du sehen, was du gestern Abend getan hast und das willst du nicht …

Wie überwinde ich den Schweinehund? Nur, indem ich mich daran erinnere, was für ein gutes Gefühl es ist, wenn die ersten vier bis zehn Bahnen geschafft sind. Wenn dir langsam warm wird und du merkst, dass die körperliche Ertüchtigung deinen Körper und deinen Geist anregt. Wenn dein Hirn nach einer durchzechten Nacht wieder funktioniert. Wenn du nach einer Woche grenzenloser Erreichbarkeit endlich 30 garantierte Minuten ohne iPhone und Blackberry hast. Dann erwacht der Sportsgeist. Und der Sportsgeist ist es, der dich immun macht gegen das Echo des Schweinehunds. Der Sportsgeist macht dich blind für den ganzen Dreck, die blutigen Pflaster, die Bakterien und den Schimmel.

Ich packe also in 80 Prozent aller Auseinandersetzungen mit meinem Schweinehund meine Schwimmtasche. Darin sind schon etliche Kosmetika, Duschgel, Shampoo und Schwimmutensilien versammelt, weil ich sonst immer etwas vergesse. Wie blöd ist es, seine Haarbürste zu vergessen. Diese langen Zotteln zu waschen und anschließend nicht durchzukämmen. Lange Haare sehen nass furchtbar hässlich aus. Wie ein begossener Pudel steht man dann da. Wer auch immer in den Hollywood-Streifen extrem gut aussehende Schauspielerinnen aus der Dusche kommen lässt mit perfekt, in Strähnen nach hinten sortierten Haaren im schneeweißen Handtuch, hat noch nie mit einer Frau mit langen Haaren geduscht. Haare nach dem Duschen hollywoodreif aussehen zu lassen, ohne mit einer Bürste zu duschen, ist unmöglich. In meinem Schwimmbeutel ist immer eine Ersatzhaarbürste. Außerdem Sprühkuren für die Haare und haufenweise Gesichtscremes, Körperöle und Bodylotions. Der Inhalt dieser Tasche ist ein schlagendes Argument gegen den inneren Schweinehund. Es gibt nichts Schöneres als diesen von Anstrengung rot fleckigen Körper nach 60 geschwommenen Bahnen mit diesen Luxusartikeln von dm zu verwöhnen. Egal, wie dick und aufgedunsen ich mich vorher gefühlt habe, nach 60 Bahnen fühle ich mich wie ein Topmodel und rieche meiner Meinung nach auch danach. Zum Südbad-Besuch gehört auch die Anfahrt, die unter 16 Grad immer mit dem Auto absolviere und über 16 Grad mit dem Fahrrad meistere. Das liegt daran, dass in den städtischen Schwimmbädern meistens die Haartrockner kaputt sind. Ich habe nur einen Föhn und bin nicht bereit, mir für das Schwimmen einen Ersatzföhn zu kaufen. Wenn dann käme ohnehin nur ein Reiseföhn in Frage und mit denen habe ich aber denkbar schlechte Erfahrungen. Jeder Reiseföhn, den ich je besessen habe, hat relativ schnell angefangen, meine Haare durch den hinteren Filter aufzusaugen und sie zu verbrennen. Verbrannte Haare stinken einfach widerlich. Ekelerregend. Immer in so einen Duft umhüllt konnte ich mich dann mit den Reiseföhns noch eine Zeitlang durchschlagen, bis irgendwann Funken aus dem jeweiligen Gerät kamen und es nicht mehr anging. Weil ich nicht zu den Menschen gehöre, die sich schnell neue Plastikgeräte in die Wohnung holen, habe ich es also so lange weiter mit dem lädierten Reiseföhn versucht, bis er gar nicht mehr anging. Es ist erstaunlich, wie lange man sich mit einem Reiseföhn, der bereits Funken sprüht, weiter die Haare föhnen kann. Das erste Mal mit einem Funken sprühenden Reiseföhn gekämpft habe ich auf einer Schülerfreizeit in England, die als Sprachreise getarnt worden ist, um den Leistungsgedanken vor die Förderung der Sozialkompetenzen zu stellen – ich gehöre der Generation der Leistungs­gesellschaft an, mit der Psychotherapeuten gerne die Übung Laudatio/Grabrede machen: Man soll sich vorstellen, welche Inhalte eine Grabrede für einen selbst haben könnte, bei wem mehr als Sie hat hart gearbeitet herauskommt. Wer in seinem Leben mehr als nur gearbeitet hat, kann das Coaching frühzeitig abbrechen, bei wem nur die Arbeit genannt werden kann, folgt nun eine Ego-State-Therapie: „Was können Sie? Was können Sie richtig gut? Daran setzen wir an.“ Auf der Isle of White kam ich während meiner Sprachreise also in eine nette kleine Familie mit drei Söhnen. Der eine hat noch mit Lego gespielt, der zweite war verpickelt und im Stimmbruch und der dritte hatte seine erste feste Freundin. Dass dort nur männliche Gleichaltrige waren, muss ein Fehler des Veranstalters gewesen sein, der aber folgenlos blieb. Ich war 13 und reiste mit loser Zahnspange für die Nacht. Die feste Zahnspange folgte diesem Urlaub und mit ihr ein Jahr der Blamage, Scham und Pein ohne Nahrung, die man nicht mit Messer und Gabeln essen konnte, weil einem sonst Spinat, Salat samt Falafel oder sonstige Essensreste in den Brackets hingen. Duschen war für mich Sprachreisende abends vorgesehen, weil morgens die drei Jungs duschen mussten und wir uns keinesfalls im Badezimmer begegnen durften. Überhaupt war den Jungs Kontakt zu Mädchen strengstens verboten, was sich darin äußerte, dass die älteren beiden der drei bis es dunkel wurde täglich am Strand abhingen, ich nicht mitdurfte, weil „no girls“ oder auf die Frage „How many girls, my dear?“ einer von beiden immer „none“ antwortete – zugegebenermaßen kannte ich zu dem Zeitpunkt die Verneinung „none“ noch nicht und verstand „nine“, weshalb ich mich am nächsten Tag verplapperte, als ich beim Frühstück erzählte, „I met Kevin on a party at the beach yesterday, it was very nice!“. Pickel-Kevin bis zu dem Zeitpunkt noch angetan von mir schickte mir mit seinen Blicken den geballten Hass eines pubertierenden Sohnes offenbar erzkonservativer und prüder Eltern – nur weil ich zu blöd war, „none“ und „nine“ voneinander zu unterscheiden. Kevin hatte also Hausarrest „You’re grounded for four weekends, my dear!“ und war an diesem Abend, obwohl es Wochenende war zuhause, wutschnaubend, während ich duschen gehen durfte oder sogar musste. Das anschließende Haare föhnen mit meinem zu dem Zeitpunkt schon hin und wieder aber eben nicht regelmäßig stinkenden Reiseföhn artete in einem halben Schwelbrand aus. Mit dem Steckdosenadapter für Großbritannien ausgerüstet fühlte ich mich beim Föhnen wohl zu sicher und habe zu spät bemerkt, dass der Föhn langsam anfing, feine Härchen von mir samt des Vorhangs des Badezimmergucklochs der Gastfamilie in die hintere Öffnung aufzunehmen und zu verbrennen. Den Geruch bemerkte ich, war aber davon ausgegangen, dass noch alte Härchen im Föhn waren und war nicht weiter bekümmert. Bis die Funken sprühten, der seidene Vorhang Feuer fing, das Licht ausging – nicht nur im Bad, sondern im ganzen Haus, wie ich durch den Türspalt sehen konnte – und meine Haare immer noch glühten. Das Feuer des Vorhangs konnte ich schnell zertreten, nachdem ich den Vorhang samt Halterung herunter gerissen hatte, aber in meinem Kopf sprang anstatt der Selbstfürsorge sofort die Vertuschungsmaschinerie an: Wie kann ich den Leuten hier im Haus klar machen, dass ich nichts für den Stromausfall, den Gestank, meinen neuen Sidecut und den kaputten Badezimmervorhang kann? Ich versuchte, mich leise aus dem Badezimmer davon zu schleichen, drehte den Badezimmerschlüssel um und hatte den halben Schlüssel in der Hand. Mist. Schlüssel abgebrochen. Wie kann ich nun den Leuten im Haus klar machen, dass ich weder für den Stromausfall, noch für den Gestank, den kaputten Vorhang, noch für den abgebrochenen Schlüssel etwas kann? In meinem Kopf setzten sich flashbackartig Wortfetzen zusammen, wie „Don’t lock the door in the bathroom, my dear.“ Wer war denn bitte so blöd einen Schlüssel, mit dem man nicht abschließen durfte, in der Tür stecken zu lassen. Ich schaute mich im dunklen Badezimmer um. Es war eine Art Hobbithöhle. Der Film „Der Hobbit“ war damals noch nicht erschienen, geschweige denn die drei „Herr der Ringe“ Filme, aber ich hatte alle Bücher gelesen und stellte mir so ein Hobbithaus vor. Winzig, rund, und mit nur einem Fenster. Der einzige Unterschied war, dass es nicht bungalowartig im ersten Stock lag, sondern im ersten Stock. Hätte ich die Flucht aus dem runden Gucklochfenster gewagt, hätte ich einen Beinbruch in Kauf genommen. Damit niemand merken würde, dass ich fast das Haus abgefackelt hätte und noch dazu die Badezimmertür ruiniert hatte, kam es für mich kurzzeitig in Betracht, den Beinbruch einfach in Kauf zu nehmen, aber mich hinderte eine plausible Erklärung für meine Gasteltern daran. Mir mangelte es eindeutig am pubertären Selbstvertrauen, einfach zu der eigenen Tat zu stehen. „Are you okay, darling?“ dröhnte es ohnehin schon vom Wohnzimmer zu mir nach oben und mir blieb nichts anderes übrig als zu sagen „No, ma’am, sorry. Can you help me, please?“ Seit meinem ersten Tag benutzte ich please, thanks oder sorry fast in jedem Satz, nachdem mir die Gastmutter freundlich aber resolut zu verstehen gegeben hat, dass es im Britischen niemals YES oder NO hieß, sondern immer nur „Yes, please.“ oder „No, thanks.“ hieß. Da hatten wir Gymnasiasten 8 Stunden Englischunterricht pro Woche und Question Tags hatten uns wirklich lange lange beschäftigt, aber nie hat uns jemand verraten, dass man im Englisch „Ja, bitte“ und „Nein, danke.“ sagen muss. Unseren Lehrern wurde vermutlich noch nie etwas von einem Native Speaker angeboten, anders kann ich es mir nicht erklären. Ma’am kam schnell die Treppe hochgepoltert, offenbar mit einer Taschenlampe ausgerüstet. „What did you do, darling? Did you lock up the door with the key?“ „Yes, ma’am, I am so sorry, I forgot what you said to me, sorry.“ “Oh darling, don’t be scared, wait for me to get fixed the power breakdown. Kevin will help you in a minute.” Und weg war sie. Na toll, Kevin sollte mir also helfen. Gefühlte 15 Minuten später, ich hielt immer noch meine lose Zahnspange in der einen und den zusammengepackten Reiseföhn in der anderen Hand hörte ich durch das Fenster „Please, open the window, my dear.“ Das gelang mir sogar und ich konnte sehen, wie Kevin und seine Mutter unter dem Fenster kurz stritten und ich hörte Kevin keifen „I don’t want to climb up the tree, it is dark, mum!“ Dann hörte ich einen zischenden Befehl und das Rauschen von Blättern. Kevin musste also auf den Baum klettern, der kurz vor das Fenster ragte, um sich dann durch dieses Minifenster zu zwängen und ja, was dann? Kevin tat wie geheißen, würdigte mich keines Blickes, trat mit einem gezielten Fußtritt gegen die Badezimmertür, die einmal knackste und dann relativ entspannt aufging, fluchte, verließ das Badezimmer und stapfte türenknallend in sein Zimmer. Ma’am kam wieder zu mir und rief ihrem Sohn hinterher:“Don’t you be such a rudy, darling!“ Und dann zu mir:“Oh dear, it happens all the time. I am sorry, I really have to remember to keep that key away from the door.” Nun musste ich jedes Mal, wenn ich aufs Klo oder duschen wollte, Kevin Bescheid sagen, damit er ja in seinem Zimmer blieb und mich weder nackt unter der Dusche oder halbnackt beim Pinkeln durch die kaputte Tür sah. Und Haare föhnen konnte ich auch nicht mehr.

Nachdem mein letzter Reiseföhn von Braun Jahre später auch den Geist aufgegeben und die Elektrizität im Trockenbereich des Schwimmbads lahm gelegt hatte, bin ich dazu umgestiegen, meinen Riesenföhn von Philipps mitzunehmen. Den vergesse ich aber regelmäßig und bin auf die kaputten Geräte im Südbad angewiesen. Einmal war ich in einem nagelneuen Sportbad in Potsdam. Dort gibt es statt der in die Wand montierten und durch ein Kabel mit Spiralen stark die Bewegungsfreiheit beim Föhnen einschränkenden Föhne, die nur kalte Luft erzeugen können, richtige Föhns. Die einfach einzustöpseln und zugegebenermaßen leicht zu klauen sind. Dieses von der Sparkasse finanzierte Bad nimmt diese Gefahr des Föhndiebstahls offenbar in Kauf. Besser gar kein Föhn als kaputte Föhns, die in der Wand hängen wie eine Erinnerung an bessere Zeiten. Manchmal hängt an jedem Föhn im Südbad ein handgeschriebener und mit Tesa festgepappter Zettel: DEFEKT. Dann liest man irgendwann in der Zeitung, dass das Südbad an diesem oder dem Wochenende wegen Wartungsarbeiten geschlossen hat. Anschließend funktionieren alle Föhns bis einer nach dem anderen innerhalb kürzester Zeit wieder mit dem DEFEKT-Zettel versehen werden. Ich nehme mir vor, zu beobachten, ob die Zettel jedes Mal neu geschrieben werden oder ob die einfach in der Schublade bleiben. Unter der Dusche haben mich neulich zwei Frauen, die das erste Mal in diesem Schwimmbad waren, gefragt, wo denn die Föhns seien und ich musste ihnen verraten – und dabei an Caesars Ausspruch Alle lieben den Verrat, aber niemand den Verräter denken –, dass es zwar Föhns gäbe, die aber alle höchstwahrscheinlich kaputt seien, was großes Entsetzen bei den beiden duschenden Damen auslöste. Man muss dazu sagen, dass es draußen minus 7 Grad hatte und die beiden vor Arbeitsantritt schwimmen gegangen waren. Das bedeutete einen vollen Arbeitstag ohne geföhnte Haare vor sich zu haben. Geföhnte Haare sind für Frauen und ihr Ego in der Regel sehr wichtig, ich selbst kann mich an ein Bewerbungsgespräch in der Hauptstadt erinnern, bei dem ich bei einem Bekannten übernachtete, der ob seiner wenigen Haare natürlich auch keinen Föhn besaß, woran ich nicht gedacht hatte und meinerseits keinen Föhn eingesteckt hatte, was bei mir morgens nach dem Duschen zu dem Gedanken geführt hatte, das Bewerbungsgespräch gleich abzusagen, wer stellt schon eine ungeföhnte Frau mit verfilzten strohigen Haaren ein? Ich habe den Job trotzdem bekommen, hatte aber mit den beiden Frauen Mitleid, welches aber nicht so weit reichte, ihnen meinen Föhn anzubieten, weil ich für meinen Termin eh schon spät dran gewesen war.

Wichtig ist für einen Schwimmbadbesuch, dass man nicht vergisst, ein 1€ Stück mitzunehmen sonst bekommt man keinen Spind. Das ist ziemlich unpraktisch ohne Spind. Ich muss mich dann in der Umkleidekabine – ich gehe immer, wenn es möglich ist, in die Sammelumkleidekabine, weil mir die anderen zu klein sind, obwohl ich Kleidergröße S habe, was machen dann erst die ganzen Dicken, die ich so gerne im Schwimmbad beobachte, zu denen ich später noch komme? – ausziehen und meine Anziehsachen in meine Schwimmtasche stopfen. Vorher muss ich die Handtücher – ich habe ein kleines für meine Haare, das ich wie Julia Roberts in Pretty Woman nach dem Haare waschen um meinen Kopf knote, nur mit dem Unterschied, dass Julia Roberts ein Handtuch hatte, das so weiß ist, wie meine nur vor dem ersten Waschen sind, bei mir bekommen die nach dem Koch- und Buntwäschegang schnell einen Blau-,Grau- oder Pinkstich, und ich habe ein großes Handtuch für meinen Körper, wobei hier darauf zu achten ist, dass das Handtuch wirklich groß genug ist, denn ich habe mir angewöhnt, nackt zu duschen, also ohne Badeanzug, weil ich sonst nicht das Gefühl habe, richtig sauber zu werden, dafür muss ich aber von der Dusche durch den Flur, der für alle, Männer und Frauen und alles dazwischen, öffentlich ist, zu den Umkleidekabinen, und die Dusche liegt in einem Zwischenflur zwischen Schwimmbad und öffentlichem Flur, so dass die Schwimmenden leicht einen Blick auf die Frauen erhaschen können, die von der Dusche zu den Umkleidekabinen gehen (das kann sich nur ein Mann ausgedacht haben), was dazu führt, dass das Handtuch unbedingt so lange sein muss, dass mein Schambereich und meine Pobacken deutlich bedeckt sind, sonst wird das Handtuch durch mein Gehen so hochgezogen, dass ich plötzlich blank im Schwimmbad stehe, was hin und wieder Frauen passiert, die nicht wissen, dass sie gesehen werden können und in ihrer blanken Nacktheit von der Dusche zu den Umkleidekabinen gehen – herausholen, damit ich sie an die Haken vor den Duschen hängen kann, wenn denn welche frei sind. Dabei gilt es aufzupassen, dass die Handtücher nicht auf den Schwimmbadboden fallen. Das ist eklig. Ich verstehe auch nicht, warum Haken immer so klein sein müssen, dass man eigentlich unmöglich größere Handtücher daran aufhängen kann, und warum Haken immer so niedrig hängen müssen, dass man nur mit äußerster Friemelei das Handtuch so hinhängen kann, dass es nicht auf dem Boden liegt und den gesammelten Dreck aller ungewaschenen Badbesucher aufnimmt – die gibt es und zu denen komme ich später. Zu den Handtüchern stelle ich auf die Miniablage mein Duschgel und mein Shampoo. Habe ich aber keinen Euro für die Umkleidekabine, muss ich nun irgendwo meine riesige Tasche, in der meine ganzen Klamotten und meine Schuhe sind, irgendwo hinstellen, wo meine Kleidung nicht nass wird und, wo ich die Tasche im Blick habe. Seit 2015 steht überall, dass Diebe unterwegs sind und man auf gar keinen Fall seine Sachen unbeaufsichtigt lassen soll. Jedes Mal vergesse ich, dass ich nicht mein ganzes Portemonnaie mitzunehmen brauche. So bin ich ein potentielles Opfer. Blöd ist das mit dem Euro auch beim Duschen, weil ich die Tasche, wenn ich sie nicht unbeaufsichtigt lassen will, ja mitnehmen muss. Jetzt gibt es ja nur Sammelduschen und dort einen Fleck zu finden, wo die Tasche mitsamt meinen Klamotten nicht nass wird, ist nur möglich, wenn in dem Moment, in dem ich dusche, wenige Frauen duschen. Gut wäre eine Tasche, die man schließen kann, aber mein Schwimmbeutel ist seit Jahren eine Mehrzwecktasche, die ich irgendwann einmal bei Rossmann gekauft habe. Darauf abgebildet ist ein riesiger, blau geschminkter Frauenkopf, mit dem für Rival de Loop Werbung gemacht wird. Bevor ich diese Tasche hatte, hatte ich eine Leinen-Tasche aus Kairo – die mir eine Freundin mitgebracht hatte, die dort ein Auslandssemester verbrachte, die ich dort auch tatsächlich besucht hatte ohne aber die schöne Tasche zu finden, weil wir zu sehr mit Sightseeing beschäftigt waren und uns über die lustigen Touri-Busse beömmelt haben, die die weißen Europäer direkt vor die Pyramiden von Gizeh und überhaupt überallhin kutschierten und den Motor anbehielten, damit die Klimaanlage nicht ausging für die schwitzenden Franzosen und Deutschen, die dann schnell Fotos vor den Pyramiden knipsten, um so schnell wie möglich wieder im klimatisierten Bus zu sitzen und weitergefahren zu werden und zuhause zu erzählen, sie liebten IHR Kairo, wobei sie meiner Meinung nach die Stadt mit dem Reisebus verwechselten–, bei der irgendwann der Reißverschluss kaputte gegangen ist und mir immer alle Sachen herausgefallen sind. Als ich mein teures Haarproteinspray deswegen verloren hatte, bin ich auf die Rival de Loop -Tasche umgestiegen. Erkenntnis: Alles ist besser mit einem 1 € Stück.

Ein weiteres Phänomen ist, dass es unmöglich ist, in einer Nothaushaltsstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Schwimmbad zu gelangen, außer man hat den ganzen Tag Zeit. Fahre ich mit dem Auto ins Schwimmbad, ärgere ich mich regelmäßig, weil ich die 2 Kilometer bis dorthin nicht laufe oder mit dem Fahrrad fahre. Höchst motivierend wirkt dann aber auf mich, dass ich im Radio auf 1 live Chartsmusik laut höre. Als ich eine Zeitlang ins Fitness-Studio gegangen bin, habe ich gemerkt, wie anregend für sportliche Aktivitäten simple Charts-Mucke wirken kann. Ein bisschen Taylor Swift hier, Justin Timberlake da und Ed Sheeran, schwups, bin ich im Bauch-Beine-Po-Kurs überhaupt nicht mehr peinlich berührt, wenn ich mit 30 anderen Männern und Frauen, meinen Po bei weit gespreizten Beinen ganz tief nach hinten senke, als würde ich mit auf einen niedrigen Stuhl setzen, und meine Hände nach vorne falte und die Handflächen gegeneinander pressen als hätte ich echte Probleme beim Toilettengang. Meinen Weg ins Schwimmbad überdauern maximal drei Lieder. Ich freue mich, wenn ich die stickige Schwimmbadhalle betrete und das Lokalradio an ist. Bei Lokalradiosendern ist Verlass darauf, dass wenig gesprochen und alle Lieder, die gerade in den Top Ten der deutschen Charts sind, in meiner 45-minütigen Schwimmbadzeit mindestens einmal gespielt werden. Fahre ich ab April/Mai mit dem Fahrrad ins Schwimmbad, habe ich meistens einen Knopf im Ohr, der zu den Kopfhörern meines iPod-Shuffle gehört, auf dem ich – wenn ich gut vorbereitet bin – Charts geladen habe. Meistens befinden sich darauf jedoch Hörbücher, die ich beim Joggen anhöre. Chartsmusik könnte ich natürlich auch über Spotify am Handy hören, aber ich habe noch keine für mich gute Technik gefunden, das Smart Phone so in meiner Jackentasche zu positionieren, dass mich das Kabel der Kopfhörer beim Fahrradfahren nicht stört. Mein Smart Phone fällt dann entweder raus oder die Kopfhörer rutschen ständig aus meinen Ohren, im schlimmsten Fall baumeln sie herunter und verheddern sich in meinen Speichen und führen zu üblen Stürzen, wobei der letzte in der Notaufnahme endete, wobei ich da zugegebenermaßen auch sturzbetrunken Rad gefahren bin, allerdings hätte das nicht so dramatisch enden müssen, wenn ich nicht über mein doofes Smart Phone hätte Musik hören müssen, denn irgendwie haben sich die Kabel so blöd verirrt, dass ich in hohem Bogen über das Fahrrad geflogen bin und erst wieder wach geworden bin, als mir ein Sanitäter eine Halskrause angelegt hatte. Ich habe also dazu gelernt in in einen iPod Shuffle investiert, den ich einfach anclipsen kann, wo mich die Kabel nicht stören. Seitdem fahre ich nüchtern wie betrunken unfallfrei Fahrrad. Mein Fahrrad sperre ich dann immer an den riesigen und uralten Fahrradständer, der unmittelbar vor dem Südbad ist. Meistens gibt es nur einen weiteren Schwimmbadbesucher, der auch mit dem Fahrrad gekommen ist. Dieser hat immer einen Kindersitz hinten drauf, ich weiß aber nicht, ob er sein Kind auch immer beim Schwimmen dabei hat. Bis heute bin ich noch nie gleichzeitig mit diesem Schwimmer mit dem Fahrrad mit dem Kindersitz von Römer aus dem Bad gekommen. Vielleicht ist es gar kein Schwimmer, sondern eine Schwimmerin? Vielleicht sperrt oder sie auch das Fahrrad nur dort ab und arbeitet beim Bäcker Döbbe gegenüber vom Schwimmbad? Zu dem Bäcker gehe ich nur am Wochenende. Ich kaufe dort samstags die Süddeutsche und sonntags die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – die beide irgendwie immer teurer werden, wodurch mein Schwimmbadbesuch auch zur Dokumentation des allmählichen Zeitungssterbens wird – und wenn ich das Gefühl habe, schlank genug zu sein, Croissants und Brötchen – die natürlich auch immer teurer werden. Meinem Freund bringe ich regelmäßig einen Amerikaner mit, die ich gerne kaufe, weil ich mich erinnern kann, dass ich als Kind in meiner bayerischen Provinzheimat am Wochenende immer am Semmelwagerl meinen Amerikaner gekauft habe, natürlich zunächst meine Mutter für mich und später ich selbst. Ich kam mir dann immer besonders hip vor, weil ich einen Amerikaner gegessen habe, den ich auch amerikanisch mit rollendem R ausgesprochen habe „ammericana“ und mir die Bäckerin, die vermutlich nur aus diesem mobilen Bäckerswagen heraus verkauft hat, weil sie einen entsprechenden Führerschein hatte, erklärt hat, dass die amerikanischen Soldaten, die GIs – ich habe lange gebraucht zu kapieren, dass  GI eine sich aus zwei Buchstaben zusammensetzende Abkürzung ist und nicht „Dschieye“ geschrieben wird –, nach dem Zweiten Weltkrieg hier in Deutschland versucht haben, ein amerikanisches Gebäck zu backen, das Cake hieße, eine bayerische Bäckerei sie dabei unterstützt habe und als sie wieder in die USA gefahren sind, der Cake als Amerikaner geblieben sei. Ich habe mir dann immer vorgestellt, wie die Amerikaner im Sommer durch meine Straße gelaufen sind und den Kindern Wrigleys und Cake angeboten haben mit einem strahlend weißen Amerikaner-Lächeln und einer freundlichen Uniform. Dieses Amerikaner-Gebäck hat damals noch 50 Pfennig gekostet und jetzt zahle ich 1,40 €. Bis vor kurzem habe ich noch 1 € dafür bezahlt, aber im Moment ist der Butterpreis so drastisch gestiegen, dass ich für eine Biobutter weniger bezahle als für eine Aldibutter, aber dafür eben 40 Cent mehr für einen Amerikaner als vorher. Mein Freund frühstückt am Wochenende oft ohne mich, weil ich vor dem Schwimmbadbesuch nichts esse, er dann aber schon Hunger hat und er, wenn er nichts isst, sehr unleidlich wird, was er natürlich nicht gemerkt hat, aber dafür ich und ich ihm das Versprechen abgenommen habe, dass er schon ohne mich Frühstücken soll, damit Samstage und Sonntage nicht im völligen Streit eskalieren, weil ich schwimme und er nichts isst.

In meinem Schwimmbeutel darf eine weitere Sache nicht fehlen: Unterwäsche. Ich ziehe meistens bereits vor dem Schwimmbadbesuch meinen Badeanzug an. Vor ein paar Jahren bin ich noch im Bikini ins Südbad gefahren. Laut einer Umfrage sind 2013 57% aller Frauen zwischen 14 und 39 Jahren mit Bikini schwimmen gegangen, ich gehöre zu den 26%, die in dieser Altersgruppe einen Badeanzug bevorzugen. Das mache ich aber nicht mehr. Geändert hat sich das, seitdem ich wirklich sehr schnell schwimme. Dadurch lief ich immer Gefahr meine Bikinihose zu verlieren. Ich kann einfach nicht gut schwimmen, wenn ich mich darauf konzentrieren muss, nicht nackt zu sein. Das kostet Energie, die ich für meine Schwimmtechnik brauche. Jedes Mal, wenn ich am Beckenrand wende, habe ich entweder beinahe mein Höschen verloren oder mein Oberteil ist so blöd verrutscht, dass eine Brust bei der nächsten Armbewegung beim Kraulen aus dem Wasser gehüpft ist. Das kommt nicht gut an und sieht blöd aus. Frauen wird ja sowieso immer unterstellt, sie würden beim Schwimmen auf ihr äußeres Achten und provozieren, da brauche ich nicht die Blicke der Herren auf meinen schneeweißen blanken Busen. In der Tat gibt es Frauen, die mit frisch gestylter Dauerwelle und perfekt geschminkt zum Schwimmen gehen, was dazu führt, dass sie unbedingt vermeiden müssen, dass das Gesicht nass wird. Ich habe mir also einen Badeanzug von Speedo gekauft. Ich wollte keinen von Adidas mit diesen bescheuerten Streifen. Ziehe ich also meinen Badeanzug bereits im heimischen Badezimmer an, darf ich die Unterwäsche für nach dem Schwimmen nicht vergessen. Vergesse ich sie, muss ich ohne Unterhose in meine Hose steigen. Es ist ein denkbar merkwürdiges Gefühl, wenn mein nackter Intimbereich an die Nähte der Hose – meistens Jeans – scheuert. Unterhosen – viele Frauen, die ich kenne, sagen Slips, weil das erotischer klingt – sind schon eine echte Errungenschaft. Den BH zu vergessen, finde ich nicht so tragisch. Es sieht komisch aus, wenn man ein T-Shirt anhat ohne BH, das ist zu echt für die Blicke der meisten, die perfekt drall und prall geformte Busen unter hautengen T-Shirts gewöhnt sind. Diese drallen Busen kann es nur mit Helferlein geben oder bei Ausnahmeerscheinungen, die man neidisch bewundern kann, im vollen Wissen, dass man diesen katalogartigen Anblick niemals ohne Zutun von Wunder-BHs von Hunkemöller bei sich selbst sichten wird. Ich trage am liebsten Sport-BHs, wenn mein Bauch nicht gerade zu dick ist. Das sieht nämlich auch abnormal aus, wenn der Bauch dicker ist als der Busen. Das kann nur Frauen mit besonders kleinem Busen oder Frauen mit großem Busen und besonders dicken Bauch passieren. Denkt man. Bei mir ist das manchmal der Fall, vielleicht sogar immer, aber dieser Realität muss ich mich nicht stellen, weil die Textilindustrie für Frauen wie mich Lösungen gefunden hat. Ist mein Bauch aber ausnahmsweise katalogschlank, trage ich am liebsten diese plättenden, alle Sexualität negierenden Sport-BHs von H&M, weil die am billigsten sind – in Pink. Doof ist es nur, wenn man die Unterwäsche vergessen hat – in der Regel vergesse ich immer beides, nie nur die Unterhose oder nur den BH – und vor anderen in der Sammelumkleidekabine nackt in die Jeans schlüpfen muss. Ich frage mich, ob es den Leuten in der Umkleidekabine überhaupt auffallen würde. Sind die nicht selbst auf den Inhalt ihrer Schwimmtasche fokussiert? Würde ich es bemerken, wenn eine Frau ohne Unterhose in ihre Jeans steigt? Wäre mir das nicht völlig egal? Warum ist es mir nicht egal, dass die Frauen in der Umkleidekabine, die ja sicher auch schon mal irgendwann ihre Unterwäsche vergessen haben, sehen, dass ich meine Unterhose vergessen habe, obwohl das ja absolut nichts über mich aussagt. Habe ich solche Angst, ausgelacht zu werden, weil ich meine Unterhose vergessen habe? Offenbar schon, denn die Tage, an denen ich meine Unterhose vergessen habe, sind die einzigen, an denen ich mich nicht in der Sammelumkleidekabine umziehe, sondern in eine Einzelkabine gehe, in der ich nach kürzester Zeit vom ganzen Schweiß zu zerfließen oder zu ersticken drohe. Das letzte Utensil, das standardmäßig in meinem Schwimmbeutel sein muss, ist die Taucherbrille. Ich habe sämtliche Taucherbrillenfabrikate ausprobiert und immer noch keine gefunden, mit der ich zu 100 Prozent zufrieden bin. Ich hasse es, wenn die Taucherbrille Abdrücke um meine Augen hinterlässt, die mich nach einem verprügelten Dachs aussehen lassen. Es braucht Ewigkeiten, bis diese Abdrücke wieder verschwunden sind. Gehe ich vor der Arbeit oder vor einem Termin ins Schwimmbad, kann ich mir diese Abdrücke nicht erlauben. Ich packe dann, wenn ich es nicht vergesse, Camouflage-Makeup ein, um einigermaßen unversehrt auszusehen. Ohne Taucherbrille zu schwimmen geht, ist aber für mich sinnlos. Zehn Bahnen Brust schwimmen oder zu tauchen ist das Maximum an taucherbrillenfreier Schwimmzeit, die ich ertrage, ohne vor Langeweile zu gähnen. Nur mit Taucherbrille kann ich beim Schwimmen tauchen, weil ich sonst ernsthafte Schwierigkeiten mit meinen Kontaktlinsen bekomme. Meistens nicht während des Schwimmens, aber danach und ich schaffe unmöglich den Rückweg ohne meine Kontaktlinsen. Als Kind und Jugendliche habe ich Schwimmen gehasst. Das lag auch daran, dass man uns Mädchen und Jungs in der Schulzeit bei begonnener pubertärer Phase zusammen unterrichtet hat. Wir Mädchen sind also früh mit den etwaigen Fehlern unserer Körper konfrontiert worden, weil die Jungs ja nur die Mädchen aus den Katalogen kannten und dann mit der Realität unserer lebendigen, atmenden Hormone ausschüttenden, stinkenden, arbeitenden und unbehandelten Körper ernüchtert worden sind. Dunkelhaarige Mädchen wurden plötzlich total verarscht, weil man beim Kraulunterricht gesehen hat, dass sie sich unter den Armen nicht rasiert hatten – mit 12. Die Jungs kannten den Anblick von Achselhaaren nicht, weil die Pamela Andersons ihrer Bravo so etwas nicht zu bieten hatten. Ich auch nicht, aber ich war blond und hatte dünnes Haar. Dafür haben sich die Jungs an den Armhaaren aller Mädchen gestört und ich habe als eine von wenigen angefangen, mir diese zu rasieren, weil ich mich plötzlich auch dafür geschämt habe. Sich die Armhaare zu rasieren ist aus heutiger Sicht betrachtet natürlich völliger Blödsinn, weil dann ja viel mehr Haare und vor allem dunklere nachwachsen, aber so viel Selbstbewusstsein und Weitblick hatte ich mit 12 noch nicht. Komischerweise habe ich mich zu der Zeit noch gar nicht um mein Äußerers geschert. Bis ich 17 war fand ich Schminke ätzend und eng anliegende Klamotten trugen nur die Bitches. Ich hatte mir mit 12 die Haare bis auf kurze Stoppeln abgeschnitten, diese Stoppeln rot gefärbt und wurde wegen meiner flachen Brust lange Zeit für einen Jungen gehalten. Aber die Armhaare habe ich mir rasiert. Warum bloß? Heute sagt mein Freund, der wirklich ziemlich gut aussieht, weil er jedes männliche Adonis-Ideal erfüllt, denn er hat ganz breite Schultern, bekommt von ein wenig Sport gleich unglaublich dicke Muskeln, er hat diese seitlichen Bauchmuskeln, die über seinen Hüftknochen da, wo der Hosenbund sitzt, wie Brad Pitt in Fight Club, und er hat schlanke, lange Beine, die noch dazu durchtrainiert sind, ohne dass sie zu durchtrainiert wären, damit meine ich, er sieht aus wie ein Seefahrer, dem der braune Teint und der perfekte Körper nicht wichtig sind, sondern die Produkt seines täglichen Kampfes mit der rohen Gewalt der Natur sind, dieser Wotan Milke Mörike Mitte 20 sagt mir also heute, dass er meine kleinen Armhärchen über alles liebt. Und tatsächlich, wenn er mich in den Arm nimmt, zieht er regelmäßig, so muss ein Fetisch sein, meinen Pulli an den Armen ein wenig hoch, zieht meinen Unterarm an sein Gesicht, berührt ihn ganz sanft mit den Lippen, riecht daran, legt meinen Unterarm an sein Gesicht und ich merke, wie er bereit wird, um über mich herzufallen. Rückblickend mag es also an meiner Armhaarrasur gelegen haben, dass ich mit 12 im Gegensatz zu allen anderen Mädchen keinen Freund hatte. Schwimmen habe ich aber nicht nur deswegen gehasst, denn das Schwimmen mit den Jungs war immer schön, sobald man im Wasser war und der eigene Körper nicht mehr zu schutzlos der Beurteilung durch die Mitschülerinnen und Mitschüler ausgeliefert war. Beim gemeinsamen Wasserballspiel habe ich es hin und wieder sogar genossen, mit den erstaunlichen Kräften der hageren und mageren vorpubertären Jungs konfrontiert zu werden, zu merken, dass ich gegen einen ernst gemeinten Angriff von diesen Heranwachsenden jetzt schon völlig chancenlos wäre; im Wasser zu merken, dass hinter dieser Kraft, wenn sie nicht böswillig, sondern im Guten eingesetzt wird, ein riesengroßer Schutzmechanismus steckt, dass der Traum, vom Freund der dich auf Händen trägt, der völlig unbegründet immer wieder vor deinem geistigen Auge aufpoppt, seitdem du Kevin Costner in Bodyguard gesehen hast, wirklich real werden kann. Schwimmen habe ich mehr und mehr gehasst, weil ich nichts gesehen habe. Ich musste meine Brille immer absetzen, logisch, weil eine nasse Brille genauso tauglich wie gar keine Brille ist. Auf die Idee, mir Kontaktlinsen zu kaufen, bin ich aber wahrlich erst gekommen, als ich für mich Schminke, Haare färben und das andere Geschlecht als echte Optionen entdeckt habe. Nicht in der Reihenfolge, eher als parallel existierende Kausalkette: Wenn du dich schminkst, siehst du aus wie die Frauen im Katalog, wenn du die Haare färbst und ihnen einen Schnitt verpasst, bist du morgens schneller. Wenn du gut aussiehst, bist du selbstbewusster. Plötzlich schauen dich die Männer an. Es gefällt dir, dass du dir einen x-beliebigen Mann aussuchen kannst und mit ihm machen kannst, was du willst. Plötzlich wirst du ernst genommen. Habe ich nicht immer den von mir als Bitches Abgestempelten unterstellt, dass sie Dummchen waren? Da lag ich falsch. Ein gepflegtes Äußeres führt zu gutem Aussehen führt zu Selbstbewusstsein führt zu Erfolgen führt zu Gleichberechtigung. Wenn es doch immer so einfach wäre, aber in der Welt einer 17-Jährigen Gymnasiastin aus Bayern läuft das ziemlich konsequent so. Mit der Schminke kamen die Kontaktlinsen, weil die Kinder-Esprit-Brille für eine 17-Jährige einfach nicht mehr zeitgemäß war und Kontaktlinsen deutlich günstiger als eine neue Brille. Mit den Kontaktlinsen kam im Sommer beim Schaulaufen am Weiher die Erkenntnis, dass Schwimmen toll ist. Es ist einfach großartig, in die Mitte eines Weihers zu schwimmen und alle am Rand liegenden, sitzenden, stehenden, knutschenden, sich verliebenden Menschen zu beobachten. Wie beeindruckend blauer Himmel und weiße Wolken sein können, wenn man sie scharf sehen kann. Wie schön die Spiegelungen im Wasser sein können, wie blau das Wasser ist und wie schön es ist, bis auf den Grund sehen zu können. Den ganzen Sommer habe ich also an unterschiedlichen Weihern verbracht. Als es dafür zu kalt wurde, bin ich das erste Mal freiwillig und intrinsisch motiviert ins Schwimmbad gegangen. Ich kann mich noch an das erste Packen der Tasche erinnern, ich wollte ja nichts vergessen und habe natürlich das Duschgel vergessen. Das ist aber nicht so schlimm, weil man auch mit Shampoo duschen kann. Diese Dichotomie zwischen Duschgel und Haarshampoo ist doch eh nur eine Erfindung der profitgeilen Kosmetikmafia. Seitdem schwimme ich, weil ich sehen kann.

Ich steige aus dem Auto aus und gehe auf den wackeligen Betonplatten zum Eingang des Schwimmbads. Durch die Glastür, an der immer die neuesten Informationen über Schwimmkurse, Stellengesuche nach Bademeistern, sanierungsbedingte Schließungszeiten und Sonderöffnungszeiten für das Frauenschwimmen aushängen, geht es zum Automaten. Der Automat erhält von mir 2€, weil ich immer noch als Studentin immatrikuliert bin, kann ich den Studententarif wählen. Ich erhalte einen Zettel, denn ich in den Schlitz des Automaten an der Drehtür werfe. Mit meiner Schwimmtasche quetsche ich mich durch die Drehtür und gehe den langen Gang vorbei an den Männerumkleidekabinen zu den Sammelumkleiden. Dabei kann ich durch eine offene Tür bereits einen ersten Blick auf das blaugraue Wasser werfen und checken, ob heute viel los ist oder nicht. Egal, ob mit oder ohne 1 € Stück, mit oder ohne Unterhose, mit oder ohne Taucherbrille, wenn ich den Beckenbereich betrete, strömt mir die warme Luft entgegen, ich rieche das Chlor, denke nicht an Urin, ich höre das Wasser plätschern und rauschen.  Wenn ich in das wunderbar blaue Wasser schaue, weiß ich wieder, dass es mega ist, seinen inneren Schweinehund zu überwinden. Über die Treppe steige ich ins Wasser, in dieses kalte Nass, auf das mein Körper mit einer Gänsehaut reagiert, lasse meinen Körper schnell komplett ins Becken gleiten, um schnell loszuschwimmen, damit mir warm wird. Die nächsten 40 bis 50 Minuten gehören nur mir und meinen Gedanken und meinen Beobachtungen, die ich sehen kann.

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