„Die Würde des Menschen ist …“

 

„Es gibt plötzlich zwei Meinungen darüber, ob man Menschen, die in Lebensgefahr sind, retten oder lieber sterben lassen soll. Das ist der erste Schritt in die Barbarei.“

Wann die Barbarei beginnt, ist in diesem SZ-Artikel eindeutig. Wenn wir Menschen als Abschreckung im Mittelmeer ertrinken lassen. Die logische Konsequenz ist, dass Horst Seehofer ein „Barbar“ ist. Das wussten wir aber eigentlich schon vorher und deswegen muss jetzt mal Schluss sein damit, einem Spitzenpolitiker einer fragwürdigen bayerischen Volkspartei, die sich bekanntermaßen noch nie die Wahrung der Würde aller Menschen auf die Fahne geschrieben hat, die Möglichkeit zu geben, seine Thesen, die einem Jargon der Zeit zwischen 33 und 45 entspricht, noch lauter rauszuhauen. Seehofer und sein Freistaatskader hat noch nie einen Hehl daraus gemacht,  dass es ihnen nur um die Würde der zum Frühstück Weizenbier trinkenden, waschechten boarischen Jungs und Mädels sowie der Assimilierten geht, die gefälligst dankbar zu sein haben, für die Gleichschaltung, die Brezen – die im Übrigen immer schlechter werden – die Weißwürscht, die vielen Jobs – denn die gibt es wirklich, aber das ist nicht der Verdienst der CSU, auch wenn die das anders sieht -, den blauen Himmel, die Schäfchenwolken und den lieben Gott.

Wir haben endlich verstanden, dass wir aktiv werden müssen. Wir, nicht Die, sondern wir wissen, wir müssen jetzt etwas tun. Wir müssten uns erheben. Dank dieser Rettungsaktion der Jungs aus der Höhle in Thailand haben endlich viele weiße Europäer*innen kapiert, dass das Ertrinken im Mittelmeer ein Ende haben muss. Wir haben das Paradoxon, das dazu geführt hat, dass wir mehr Empathie für die Retter, die Taucher und die Jungs in der thailändischen Höhle empfunden haben, durchschaut. Endlich haben wir verstanden, dass die Art und Weise der Berichterstattung unser Mitleid und damit alle unsere Gefühle beeinflussen, manipulieren kann. Gäbe es eine Presseplattform im Mittelmeer, die im Live-Ticker das Sterben dokumentieren würde, wäre das eine zu einfache Lösung für die Steigerung des zivilen Ungehorsams. Wir sehen doch die Bilder und damit die vielen Toten auf und im Meer. Seit Jahren schauen wir zu, in den Nachrichten, in den sozialen Netzwerken; auch in Urlauben blenden wir beim Beobachten des Sonnenuntergangs am Strand, egal an welchem, die Tatsache aus, dass „Meer“ im 21. Jahrhundert auch immer mit dem Ertrinken von Verzweifelten einhergeht.    Der mediale Unterschied zwischen der Fußballmannschaft in der Höhle und den Flüchtlingsbooten ist, dass die Seehofers, Gaulands, Weidels, die etablierten Rechten zur Rettungsaktion in Thailand geschwiegen haben. Sie haben einmal nicht den Diskurs beherrscht, es ging um die Menschen. Horst’s klägliche Versuche, uns die Barbarei als Mittel zum Zweck für ein von subjektiv empfundener Kriminalität gesäubertes Bayern, wenn’s sein muss auch Deutschland, schmackhaft zu machen, hatten Sendepause und sind deswegen endlich entlarvt.

Wir durften endlich wieder Mitleid haben, ohne dass uns dabei Naivität unterstellt wurde, weil wir ja nicht alle aufnehmen können. Unser Herz ist aufgetaut, uns Kampfgeist reanimiert. Jetzt sind wir aufgebracht! Denn wir haben verstanden: Was da auf dem Mittelmeer passiert, ist ein institutionell genehmigter Massenmord. Die Genehmigung wird dadurch erteilt, dass die erforderlichen Gesetze für die Rettung dieser Menschen auf miserablen Schlauchbooten nicht mehrheitsfähig sind. Keine unserer demokratisch gewählten, also von uns Europäer*innen legitimierten Regierungen bekommt es hin, diese humanitäre Katastrophe zu stoppen. Alles andere ist wichtiger. Das Böse triumphiert, wenn gute Menschen gar nichts tun. An dieses Zitat erinnern wir uns plötzlich, endlich, schließlich. Und was als verkalkte Ablagerung von Menschenwürde in unserem kollektiven Gedächtnis verborgen lag, wird offen gelegt und will kämpfen. Ja, frisch auf mein Volk, erheben wir uns gegen das Böse, das Unrecht.

Aber wie? Wir wünschen uns, dass Meghan Markle und Prince Harry endlich in Diana’s Fußstapfen treten, eine Flotte ins Mittelmeer schicken und mit ihrem Zauberstab des Anspruchs, Privilegien zu teilen, losziehen, und die Fluchtursachen wegsimsalabimmen. Wir glauben daran, dass das funktionieren könnte, aber so lange wollen wir nicht warten, wir wollen jetzt auch etwas tun. Blinder Aktionismus ist besser als Nichtstun, denn wir stehen unter Druck. Irgendwann werden unsere Kinder fragen: „Eltern, warum habt ihr nichts unternommen? Warum habt ihr bloß zugesehen?“ Und wir wissen, dass Antworten, wie „Wir wussten nicht um das Ausmaß der Gräuel“, „Niemand konnte ahnen, dass das Sterben solche Dimensionen annehmen würde“ oder „Was hätten wir denn tun sollen“ unglaubwürdig sind. Die Herausforderung, vor der wir, die wir nur mit einem ziemlich großen Kraftakt ein Rettungsboot chartern, aufs Mittelmeer aufbrechen und nach Schlauchbooten suchen können, die wir als selbsternannte Entwicklungshelfer*innen am liebsten selbst Fluchtursachen bekämpfen würden und das Brot für die Welt verteilen würden, nun stehen, lautet, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen. Wir würden gerne im Europaparlament oder im Deutschen Bundestag den Antrag zur Rettung der Menschen aus dem Mittelmeer inklusive sicherer Unterbringung stellen und diesem mit einem Stimmzettel zustimmen. Die Alternative für Deutschland könnte getrost dagegen stimmen, als einzige Partei, das wäre legitim und würde weder uns noch die Medien groß jucken, weil wir uns ja schon an deren Visionen von Völkervernichtungen gewöhnt haben. Zu unserer Realität gehört aber, dass die Rechtsextremen und die Rechten den Diskurs beherrschen, wir uns also zusätzlich dazu, dass wir es normal finden, dass eine demokratisch gewählte Partei wieder Vernichtungsfantasien im Parlament äußern kann, diesem würdelosen Revisionismus täglich in Talkshows und im Netz ausgeliefert sehen. Zermürben geht anders. Wir werden zermürbt. Und das nur,  weil fast alle politischen Parteien Angst vor Überläufer*innen haben. Das zum 1000. Mal festzuhalten, bringt uns wenig weiter. Uns, die wir doch endlich unser berechtigtes schlechtes Gewissen befrieden müssen. Ich korrigiere, es ist kein schlechtes Gewissen, das wäre zu schwach. Es ist ein mutlifaktiorelles Gefühl, eine ganz konkrete Form der Angst, verantwortlich zu sein und verantwortlich gemacht werden zu können für einen verantwortungsloses Zugucken bei einem weiteren Völkermord. Natürlich hinken Völkermordsvergleiche immer, das wissen wir, aber die gehäuften Artikel über die Konferenz von Evian, die Vergleiche mit der Weimarer Zeit und auch der SZ-Artikel zum Beginn der Barbarei, mit dem wir ganz schnell am Rande von Adornos Schlachthof stehen, drängen uns die Vergleichsmomente geradezu auf.

Beherrschen die Braunen also mal wieder den Diskurs, so wäre doch für uns eine naheliegende Idee, Vorbilder für unser „Aber wie?“ bei den Linken, den Roten, den Linkeren, den ganz Linken zu suchen. Je weiter links wir in die Trickkiste greifen können, desto schneller sind wir bei Linksextremen und ist es so abwegig, nur ganz kurz mal in Gedanken die RAF als Referenz hinzuziehen? Die Linksterroristen. War es nicht Ulrike Meinhof, die 1962 geschrieben hat, im Falle eines Notstands vor dem Hintergrund von atomarer Aufrüstung wäre die Würde des Menschen wieder antastbar. Es liegt nahe, auf diesen Text zu kommen, bezieht sie sich darin doch auf einen klaren Gegenpol gegen eine „Barbarei“:

Der Anspruch des Grundgesetzes lag darin „völkerrechtlich, ethisch, moralisch, historisch, staatsrechtlich und menschlich die Basis einer durch keine Barbarei zerstörbaren Welt zu entwerfen.“

(Ulrike Meinhof: Die Würde des Menschen, Nr. 10, 1962. In: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken, Verlag Klaus Wagenbach: Berlin, S. 27.)

Wo finden wir jetzt dieses Basis, dieses Fundament, dass uns die Sicherheit geben soll, dass dieses Mittelmeersterben nicht in einer Barbarei enden kann? Da wir dieses Netz mit doppeltem Boden vergeblich gesucht haben, dürfen wir doch in unserer Freiheit der Gedanken zumindest einmal antizipieren, was die extreme Linke von damals in unserer Situation jetzt tun würde. Zu welchen Mitteln hat also die RAF gegriffen? Entführung. Joa, könnte auch bei uns klappen, ist aber schon ein terroristischer Ansatz, – wobei, wir denken an „Die fetten Jahre sind vorbei“ und da war das ja durchaus ganz nett. Die RAF hat Häuser angezündet und Bomben gelegt. Das kommt für uns pazifistisch erzogenen Europäer*innen garantiert nicht in Frage. Wir sind gegen so etwas, weil wir wissen, dass Gewalt gegen Dinge immer in Kauf nimmt, dass da zufällig ein Mensch stehen könnte, dem Schaden zugefügt werden könnte. Bleibt also nur eine Aktion, bei der nur ein eigenverantwortlicher Schaden an der eigenen Person entsteht, also in der Logik der RAF-Methodik, der Hungerstreik. Wir könnten solange hungern, bis sich etwas tut. Damit sich etwas tut. Ein generelles Problem nach dem Vorbild der RAF zu agieren jedoch ist, dass das alle Linken, auch die Soft-Linken wieder in ein schlechtes Licht rückt, was wiederum Wasser auf die Mühlen der Seehofers, Söders und wie sie alle heißen wären. Können wir trotzdem zum Hungerstreik aufrufen? Und wie können wir das machen? Interessiert das überhaupt jemanden? Rufen wir bei einer Zeitung an oder verkünden wir das auf Facebook? Wir haben gar nicht so viele Freunde auf Facebook, könnte das klappen? Die BILD gehört zum Gegner, die rufen wir nicht an. Wird man uns ernst nehmen? Weil wir unseren Worten selbst kaum Glauben schenken können, hacken wir bestürzte Buchstaben, verheulte Worte und tränenbenetzte Sätze ins Facebook, teilen alle Artikel und Kommentare, die sich für die Rettung dieser Menschen, dieser Kinder, Frauen und Männer einsetzen. Sind würdelos angesichts unserer Verdammnis zur Tatenlosigkeit.

Aber wir nehmen eine Haltung an. Sprechen darüber, was passiert, rücken es ins Bewusstsein der Leute. Machen aus „den Flüchtlingen“ Menschen mit Gesichtern, Namen und Geschichten. Erzählen die Geschichten derer, die wir kennen und die wir nicht kennen, gehen zu Initiativen und packen mit an. Heißen Fremde herzliche willkommen, in unseren Familien und in unseren Herzen. Weinen, wenn die Nachricht von Toten kommt, halten kurz inne und denken an sie. Stellen uns vor, wir wären das, mit unseren Kindern. Wir holen uns unsere Empathie zurück. Schalten die Nachrichten aus, in denen nur Seehofer sein trauriges Weltbild ausspuckt, und hören denen zu, die wirklich etwas zu sagen haben. Damit unsere Kinder uns irgendwann nur leise vorwerfen müssen: „Eltern, warum habt ihr nichts unternommen?“,

„Weil wir nicht wussten wie, Schatz, wir wussten nicht wie.“

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