Die eierlegende Wollmilchsau der Emanzipation

Hier geht’s zum Text von Charlotte Roche: „Mütter, lasst euch nicht zu Hausfrauen machen“ im Magazin der SZ

„Lasst euch nicht zu Hausfrauen machen!“ hat etwas in mir bewegt.

Charlotte Roche schreibt, „lasst euch nicht zu Hausfrauen machen“, und ich frage mich, warum ich mich darüber so ärgere. Seit ich den Titel bei Facebook gelesen habe und mir ausgemalt habe, was in dem Text stehen könnte, bin ich wütend. Seitdem ich den Text auf der Homepage des SZ gelesen habe, bin ich latent fassungslos. Konsterniert über meine Reaktion. Warum löst dieser Text bei mir einen solchen Stress aus?
Ich kenne Charlotte Roche nicht, habe nichts über sie recherchiert und nur vage Buchtitel in Erinnerung, deren Inhalte mir unbekannt sind. Meine Empörung hat nichts mit der Autorin des Textes zu tun. Inhaltlich kann ich ihr sogar zustimmen. Die berufshierarchische Orientierung nach oben beispielsweise, klar, die kann ich bei genauem Hinsehen auch erkennen. Vor allem in dem Pseudo-Freundeskreis, der sich nach der erfolgreichen Geburt des ersten Kindes gegründet hat. Der alte, harte Kern des Freundeskreises, zu dem auch Vereinzelte aus Schule und Studium gehören, zeichnet ein anderes Bild. Mag am zweiten Bildungsweg liegen. Da mussten wir kämpfen und das hätte sich nicht gelohnt für eine berufshierarchische Unterordnung. Ich stimme auch dem Sit-in-Vorschlag zu, über den ich von Herzen lachen musste, weil er so pfiffig ist. Ja, es ist richtig, dass man denen, die einer arbeitenden Mutter von einem Baby indirekt vorwerfen, ihr Kind zu vernachlässigen, durch Zermürbung oder ein Happening den Stinkefinger zeigen müsste: Twenty first Century und ihr habt nix kapiert!
Aber zurück zum SZ-Artikel: „Lasst euch nicht zu Hausfrauen machen“, schreibt sie und irgendetwas an diesem Satz stört mich, enorm. Ist es dieses Passive? Dass sie unterstellt, Frauen könnten zu Hausfrauen gemacht werden. Dass dieser passive Akt durch das Unterbewusste dem mütterlichen Idol Hinterherrennen geschehen könnte, ist nun wirklich keine besonders hervorzuhebende Erkenntnis, auch wenn diese immer wieder aktuelle Studie präsentiert wird. Deswegen ist Charlotte Roches Ansatz, direkt beim Akt des Verliebens anzusetzen, neu und spannend. Wie aktiv jedoch ist die Verliebung, wenn Frauen sich unbewusst in Männer verknallen, mit denen sie in das Vorbild Mutter schlüpfen könnten? Alle Mütter, die ich kenne, äußern mindestens einmal den Satz, indem sie zugeben, dass sie ihre Mutter jetzt, seitdem sie ein Kind haben, besser verstehen. Bei mir ist das anders. Meine Mutter ist keine Hausfrau und ich kann das überhaupt nicht mehr verstehen. Ich wäre gerne eine Hausfrau. Eine tolle Hausfrau. Mama-Freundinnen – und davon gibt es wirklich exzeptionell wenige, weil dieses Mutterding darüber hinwegtäuscht, dass die vielen Mütter abgesehen von der Tatsache, dass sie Mütter sind, überhaupt nichts gemeinsam haben – sind gerne promovierte Hausfrauen. Sie haben Döschen, Tütchen, Trinkpäckchen und alle Kinder umzingeln sie, sie backen, kochen, putzen, duften, sehen fantastisch aus, sind links, parteiisch, politisch korrekt und elaborierter als ich. Kindergeburtstage, die sie organisieren, erfüllen meine Kindheitsträume und trotz dieses schon grenzwertigen Perfektseins können wir ein Feierabendpils miteinander zischen. Was ist eigentlich so schlimm daran, Hausfrau sein zu wollen? Ich wäre gerne eine perfekte Hausfrau, die ein bisschen berufstätig ist, aber nicht zu viel. Berufshierarchische Unterordnung? Kein Problem! Leider zu spät. Beim Lesen von Charlotte Roches Text denke ich mir, wenn es nochmal 2005 wäre und ich entscheiden könnte, was und wer ich zukünftig sein will, würde ich das Abitur nicht auf dem zweiten Bildungsweg machen. Lieber eine Ausbildung mit der Option, später eine Hausfrau sein zu dürfen. Damals wäre ein solcher Gedanke unmöglich gewesen. In diesen emanzipierten Zeiten wählte man den Hut mit Karriere und Familie, hinterfragte nicht den Paradigmenwechsel – der auch einen Sit-in verdient hätte: früher hatten wir nicht die Möglichkeiten mit Kitas und so, sowas gab es früher nicht usw., ihr habt es viel besser und so weiter und so fort, höre ich immer, früher war alles schlechter, plötzlich … Karriere first, Familie später und sofort weiterarbeiten. Fertig. Alles durchgetaktet. 12 Jahre später bin ich die eierlegende Wollmilchsau, die Kaffee kochen und programmieren kann. Die eigenen Ansprüche können einen dahin bringen, ein überqualifiziertes Talent mit Führungsqualifikationen zu sein, das noch dazu ein guter Arbeitgeber für Minijobber als Kinderbetreuung ist. Durch die Promotion das erste Lächeln, das erste Köpfchenheben verpasst und völlig bei der Windelentwöhnung versagt. Lebensschritte des ersten Kindes abgegeben an betreuende Personen mit im besten Fall professioneller Distanz zum Baby. Das ist für den Moment des Geschehens völlig okay, denn die lang antrainierte Emotionskontrolle, die beherrscht werden muss, weil frau ja in einer maskulin markierten Marktordnung gleichberechtigt sein will, ist aktiv und die Maschine spricht: „Wer denkt, Kinder zu bekommen ist ein Wunder, ist zu romantisch für die Welt. Kinder zu bekommen ist ein biologischer Prozess und Kinder zu erziehen ist hard work.“ So einfach ist die Laube. Und ja, das so zu sehen, wie die Männer, die zwar weinen, wenn Deutschland aus der Fußball-WM in Russland ausscheidet, aber niemals eine Träne der Rührung vergießen würden, nur weil ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt, ist sicher ein möglicher Bestandteil einer emanzipierten, feministischen Frau und damit richtig im Sinne der Gleichberechtigung. Aber warum ärgere ich mich dann so über den Text, wenn das doch alles stimmt? Das Gefühl, dass ich gar nicht gleichberechtigt bin, macht sich in mir breit, wenn ich den Text lese. Dass ich mich immer mehr an die Männergesellschaft assimiliert habe und noch mehr anpassen muss. Weiterarbeiten. Fertig. Wie die Männer. Dann hast du es geschafft. Survival of the fittest, also. Muss ich da mitmachen? Wenn ein paar von uns keine Lust mehr haben, ständig so zu tun, als wäre es die Erfüllung, in der wachstumsorientierten Hochleistungsgesellschaft von Machos, Konservativen, Karrieristen, Opportunisten, Trumpisten und Felix Krulls zu bestehen. Es gibt ein paar Frauen, denen gelingt das mit dem Hut gut und sie scheinen sogar davon erfüllt zu sein. Diese Frauengesellschaft unterteilt sich in zwei Stränge: Die einen haben’s echt geschafft, sind weibliche homines novi. Die anderen sind Töchter oder Frauen von.
Bitte, liebe Charlotte Roche, setz uns andere nicht noch mehr unter Druck! Frau von heute muss weiterarbeiten und fertig. Sie muss unbeschwert sein, die Blicke bei einem Auftritt auf sich ziehen, ein Briefing mit Leben füllen, sie muss sehr sehr gut ausgebildet sein, darf keine Hausfrau sein, aber sollte schon Nudeln im Topf kochen können und Ahnung von Dry Agern haben, aber selbst nicht zu viel Fleisch essen, weil sonst Futterneid bei den Männern aufkommt. Kinder helfen Frauen zu Authentizität, sie sind der Anknüpfungspunkt an das wirkliche Leben, das da draußen stattfindet, aber mindestens eine Nanny muss sein, sonst ist sie nicht einsatzfähig für die Geschäftsreisen und die Wochenendtermine. Wer dem Druck nicht standhält, ist durchgefallen, wird outgesourct und outgesourct, das ist das Synonym für Hausfrau. Deswegen ist Hausfrau für viele eine berufshierarchische Unterordnung. Ach, du bist Hausfrau? Und im Hinterkopf lauert die Lästerliesel: Lotterleben, Hausfrau, das ich nicht lache. Auf Kosten des Mannes.
Und besonders eklatant:
Ach, du hast keine Kinder? Was machst du den ganzen Tag? Lästerliesel: Hochgeschlafen, ganz klar! Mit dem Hund spazieren? Das ich nicht lache. Blondie. Zu blöd für den Job.
Liebe Charlotte Roches, hört auf, so zu tun, als wäre das mit den Kindern und der Karriere leichter als ein Sonntagsspaziergang. Wann steht da endlich mal eine ungeschminkte berufstätige Mutter öffentlich auf und sagt, dass sie nicht berufstätig ist, weil ihr Job so geil ist, sondern dass sie arbeitet, weil sie muss. Wann dürfen wir endlich die Augenringe sehen, den Schweiß und die Fischstäbchen riechen, weil’s mal wieder schnell gehen musste und der Biomarkt zu weit weg ist? Für die, die einen Beruf hat, in dem sich mit Leidenschaft und Begeisterung richtig gutes Geld verdienen lässt, ist es ein Leichtes, zu behaupten, dass das Hausfrauendasein ein anerzogenes bzw. passives Hindernis auf dem Weg zur Selbstverwirklichung ist. Wer sich aber 40 Stunden pro Woche in einem im schlimmsten Fall ausbeuterischen Betrieb bücken muss, die wäre unter Umständen gerne Hausfrau.
„Ein Baby braucht seine Mutter.“ Charlotte Roche findet nicht. Der Satz sei eine Falle. Und doch, Babys brauchen ihre Mütter und Mütter brauchen ihre Babys. In der Theorie kann ich Charlotte Roche folgen, in der Praxis hinkt das mit der Falle aber. Mutter ist, wer für das Baby da ist, wer das mit den Fäkalien übernimmt, um Charlotte Roche aufzugreifen, wer es beruhigt, wer es am meisten umhütet. Zwei Männer können ein Baby haben und wenn einer dieser Männer mit einem Baby die meiste Zeit alleine ist, braucht das Baby diesen Mann. Und der Mann das Baby. Weil Mütter ihre Babys brauchen und dieser Mann dann die Rolle der Mutter übernommen hat. Das bedeutet, dass die Person, die die Mutterrolle ausübt, die gebraucht wird, mit den ganzen hier thematisierten Konflikten konfrontiert ist. Mütter brauchen ihre Babys. Denn wenn unsere Emanzipation wirklich darin bestehen soll, dass wir Babys bekommen sollen, um sie so schnell wie möglich fremd betreut zu wissen, dann läuft doch offensichtlich etwas falsch. Frauen sollen die Babys zehn Monate unter dem Herzen tragen dürfen und sich dann nicht davon rühren lassen sollen, dass diese Babys sie als Mütter brauchen. Uns Mütter, nicht die Väter. Vielleicht führt auch erst die Erfahrung eines zähen Endes zu der Erkenntnis, dass es schön und mehr als gleichberechtigt ist, von seinem Baby gebraucht zu werden. Wenn eine Fehlgeburt oder die Beerdigung eines Babys einem vor Augen führt, wie viel Wunder das ganze Kinderkriegending eben doch ist. Niemand sollte erst dann kapieren, was Mutterliebe bedeuten kann.
Liebe Charlotte Roche, im theoretischen Anspruch bin ich bei dir, aber am Ende folge ich dir nicht. Die metaphorischen dicken Eier, die haben wir Mütter und die sollten wir uns nicht nehmen lassen. Wir sind die Titaninnen, die Amazoninnen, die die Kinder produzieren, die auf ihre ganz eigene bewundernswerte Art und Weise die Welt verändern. Weil ich nicht schuld daran bin, dass die Gesellschaft noch nicht auf Gleichberechtigung aus ist und weil manche Frauen und Männer ihre Partner nicht danach auswählen, ob diese dann zuhause bleiben und sie finanzieren können oder nicht. Weil ich eine hoffnungslose Romantikerin bin, die jeden Tag aufs Neue für die Gleichberechtigung meiner Kinder kämpft, die eine gute Weiterarbeiterin und Mutter ist, deren Mann immer arbeitet und die Arbeit hasst, gerne Hausfrau wäre. Weil ich mir eingestehe, dass ich nicht immer die eierlegende Wollmilchsau sein will.
Feminismus ist, wenn jede Mutter sein kann, was sie will, bei allen Kompromissen, die in einem gleichberechtigen Zusammenleben nötig sind. Aber dafür stehen nicht die Mütter in der Pflicht, sondern die Männerwelt, die Big Bosse, die Konzernchefs, die Politiker. Die müssen Strukturen schaffen, selbst Hausfrauen werden und ihre Plätze räumen. Dafür müssen wir uns nicht die Liebe madig machen lassen. Dafür müssen wir kämpfen, mal im Hosenanzug, mal in der Schürze.

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