Schwimmbadgeschichten, 11. Kapitel: Destruktive Symbiose

Destruktive Symbiose

Sie sind die personifizierten feinen Unterschiede. Urgesteine menschlichen Zusammenhalts. Sie schließen andere aus und sichern sich dadurch ihre eigene Existenz. Indem sie zusammen irgendwohin kommen und zusammen woandershin gehen, sorgen sie für einen inneren Zusammenhalt, der alle anderen, die alleine kommen und gehen, ausgrenzt. Ihr Selbstvertrauen beruht auf der unerschütterlichen Gewissheit, dass sie sich haben. Nur, wer das weiß, kann sich einer anderen Person bis zum letzten Höllenkreis offenbaren. Das bedeutet viel Liebe und auch viel Überkompensation, eine Riesenportion Projektion gepaart mit angestauter Wut. Wut, weil die Korrektivfunktion entfällt und alles, was das eine der beiden vergesellschafteten Individuen unternimmt, macht, denkt und fühlt bis zu einem gewissen Grad richtig ist. Widerspruch wird zu einem Muster, der nur geäußert wird, damit der zweite Part diesen durch längere Ansprachen oder über einen Tag verteilt tot reden kann ohne eine Korrektur des Gesagten oder der Handlung vorzunehmen. Wiedergutmachung spielt keine Rolle, weil nichts gesagt werden kann, das von so einem Gewicht ist, dass es echte Wunden und Narben hinterlassen könnte. Das ist ein Zusammenleben, das wohltuend ist, weil es offenkundige Unterschiede beider symbiotischen Partner wegwischt. Zusammen werden sie eins und zerstören dadurch den individuellen Anteil des Partners. Ohne Zusammenleben bricht ein existentieller Part weg und die Realität führt zum totalen Kollaps der alleine nicht lebensfähigen Partner. Deswegen können sie sich hemmungslos streiten. Sich im wahrsten Sinne des Wortes Dinge an den Kopf werfen und verletzende Vorwürfe machen. Schwachsinn reden, sich verschwören und Fake News verbreiten. Sie vergewissern sich selbst ihrer eigenen Wahrheiten.

Sie sind das grundverschiedene Trinkerpaar, die Saufkumpanen rund um Vernon Subutex, die den Vormittag ohne weitere Zwischenfälle, aber mit viel angestauten Vorwürfen überstehen, am frühen Nachmittag jedoch zu Trinken beginnen müssen, um das schummrige Zusammengehörigkeitsgefühl wiederaufflammen zu lassen. (Wir gegen den Rest der Welt!) Mit vorangeschrittenem Tag und steigendem Alkoholpegel versetzen die Umdrehungen des bösen Teufels Alkohol sie in die kathartischen Sphären, die sie zum Strom Lethe führen: Am nächsten Tag können sie sich an nichts mehr erinnern. Ein Böser der die Erinnerung zurückholt, ein solch furchtbarer Übeltäter muss aus dem Kreis verbannt werden (Furchtbar!). Drum machen sie nach ihrer Selbstvergewisserung einfach weiter. (Einer für alle, alle für einen! Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken!) Sie sind das ältere Ehepaar, das sich schon morgens beim Zahnputzgurgeln auf die Nerven geht, aber immer zusammenhält, sobald ihnen ein anderer einen richtig guten Vorschlag macht. Zum Beispiel, dass sie auch mal etwas getrennt unternehmen könnten, warum nicht einfach mal ein paar Tage wegfahren, alleine, raus hier, mal was Neues sehen (Wie, ohne meine Ehefrau? Das geht nicht, wo kämen wir denn da hin. Die braucht mich doch.). Die Person mit dem gut gemeinten Vorschlag wird daraufhin in all seine Persönlichkeits­bestandteile auseinanderdividiert und für untragbar befunden. (Ein furchtbarer Mensch! Wir sind anders! Nicht mit uns – gleichzeitig steigen sie aus der Opferrolle aus: Wir lassen uns das nicht gefallen!) Um dann in die völlige Eskalation einzutreten (Merkel muss weg!). Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – und das sind früher oder später alle anderen. Sie sind die Freundinnen mit reichen Eltern in der Mittelstufe, die sich nicht nur für etwas Besseres halten, sondern etwas Besseres sind, deren Zukunft vorprogrammiert ist und aus der es ohne eine Naturkatastrophe kein Entrinnen gibt. Die, die Andere brauchen, um sicher zu sein, dass ihr eigener Lebensweg der Bessere sein wird. Die verwöhnten Kids mit viel zu teuren Markenklamotten, deren Eltern ihnen ihre Bestimmung eingetrichtert haben und bei jedem Krikelkrakel einen Meister der Kunst in ihrem Sprössling entdeckt haben wollen (Jetzt weiß ich es, mein Kind ist ein zweiter Gerhard Richter.), obwohl dieses Kind qua programmierter Zukunft später in eine Machtposition berufen werden sollte, in der genau dieses mit Unsummen an Geld gepamperte große Kind unendlich viel Einfluss haben wird. Alle anderen Krikelkrakelzeichnungen werden als genau das abgestempelt, was sie sind. Schrott. (Die gehören nicht zu uns, Charity, gerne, aber eine Aufnahme in unseren Kreis? Unter keinen Umständen!) Ihr Zusammenhalt ist, wenn sie sich gefunden haben, keine bloße Zufallsbegegnung oder eine vorübergehende flüchtige Bekanntschaft, die sich bei näherer Betrachtung als Flopp erweist. Sie sind eins. Sie sind wie Softeis in der Sonne, Bonnie und Clyde, Benzin und ein brennendes Zippo, Martin Schulz und Würselen, Micheal Jackson unter Kindern, Amy Winehouse mit Blake, Avicii und das Publikum. Die wechselseitige Abhängigkeit ist immens. Denn ohne den jeweils anderen, platzt die Blase und offenbart die nackte Konstruktion der eigenen Realität. Außenstehende werden prinzipiell skeptisch beäugt. Eine Teilnahme Dritter oder Vierter an ihrem symbiotischen Ründchen ist nur erwünscht, wenn ihnen der Gesprächsstoff ausgegangen ist. Beispielsweise wenn sie nach dem Badbesuch über jemanden herziehen wollen. Denn die Anderen sind unerlässlich für das Funktionieren der Symbiose. Ohne andere geht das nicht lange gut! Erst wenn einer dazu kommt, der nicht dazugehört, kann sich die Symbiose frei entfalten.

In unserem Fall handelt es sich um Mutter und Tochter. Ich glaube, dass es Mutter und Tochter sind, sie sehen sich ähnlich und treten auf wie Mutter und Tochter. Es beginnt schon am Ticketautomaten im Eingangsbereich der Schwimmhalle. Der Ticketautomat, an dem lange Zeit niemand einfach so vorbeikam. Selbst Dauerkartenbesitzer mussten sich am Ticketautomaten zuerst ein Einzelticket ausdrucken. Es war und ist technisch nicht möglich, mit der Dauerkarte den Drehkreuzautomaten zum Öffnen der Schwimmbadpforten zu bringen. Dauerkartenbesitzer müssen die Dauerkarte in den großen Ticketautomaten einführen, auf Erwachsener tippen und warten, bis der Automat das Einzelticket für diesen Badeaufenthalt ausspuckt. Der Ticketautomat verfügt über einen Touch Screen. Diesen Touch Screen gibt es länger als die meisten Sparkassenautomaten. Der Touch Screen am Ticketautomaten in der Eingangshalle des Schwimmbads musste mit Hilfe von leitendem Personal installiert werden. Das Personal stand neben dem Automaten bis ein jeder Schwimmbadbesucher verstanden hat, dass es nichts nützt, auf den metallischen Rahmen des Ticketautomaten zu drücken, sondern dass einzig das Antippen des Symbols im Bildschirm zu einem gültigen Ticket für den Badetag führen wird. Monatelang stand es da. Das Personal steht oft mit einem geöffneten Ticketautomaten da, weil dieser oft gewartet werden muss. Touchscreen und Vorrichtung für die Dauerkarten sind sehr anfällig. Helfendes Personal stand da, wenn Dauerkartenbesitzer ihre Dauerkarte aufladen wollten und nicht verstanden, wohin sie die drei 50€ Scheine einfügen sollten. Das Personal hat geholfen und ist dem Automaten gegenüber manchmal in ein aggressives Du verfallen (Du scheiß Ding!), weil dessen nicht funktionierende Technik die Eintritte unnötig verzögerte. Seitdem die Stadt in einem Ranking den Gipfel der ärmsten Kommunen Deutschlands erklommen hat, wurde das Personal nach und nach wegrationalisiert. Sparmaßnahme der Stadt. Geht auch ohne. Wir haben ja den Ticketautomaten. Nur der kann denjenigen, die ihre Dauerkarte mit drei 50€ Scheinen aufladen, kein lobendes „Na Sie haben ja viel vor, wa?!“ zurufen, worüber sich die Besitzer von Dauerkarten im Wert von drei 50€ Scheinen sehr freuen, weil die 150€ auf ihrer Dauerkarte für 86 Jährige ein Symbol für ein weiteres langes und gesundes Leben ist. Ein Ticketautomat kann keine Studentenausweise kontrollieren und er kann Kindern nicht die Seitentür öffnen, damit die kleinen Delphine nicht im Drehkreuz hängen bleiben. Der Ticketautomat spuckt, seitdem er einen Touch Screen hat auch keine vorgedruckten platten Ringe mehr aus. Mit diesen Ringen konnte das 1€ Stück, das für die Garderobenschränke gebraucht wird, überbrückt werden. Sie waren eine Hilfe für alle die, die ihr 1€ Garderobenschrankstück vergessen hatten. Als das Personal noch dastand, hatte dieses die platten Ringe verteilt. Anscheinend hat es die Ringe mitgenommen, in eine Schwimmbadeingangshalle, die das Angebot der platten Ringe mehr zu schätzen weiß. Die übrig gebliebenen platten Ringe konnten bei den diensthabenden Bademeistern für ein Pfand ausgeliehen werden. Sie sind allerdings nach und nach entwendet worden. Es scheint eine dieberische Gruppe unterwegs zu sein, die ihren Garderobenschrank nicht gegen ein 1€ Stück benutzt, sondern die weiterhin die platten Ringe verwendet, die sie auf unredliche Art und Weise erworben haben. Jeder, der schon mal im Südbad war, weiß, dass man jetzt ein 1€ Stück die Schränke benötigt. Für Mutter und Tochter ist das der erste Anstoß, sich furchtbar aufzuregen. Als wären sie zum ersten Mal im Südbad. Als wüssten sie nicht, dass die Schränke nur mit einem 1€ Stück verschließbar sind. Als hätte ich die zwei nicht schon oft gesehen, wie sie konspirativ am Beckenrand die Schwimmenden beobachtet haben. Ihre eigene Unzulänglichkeit durch Motzerei und Lästerei übertönen. Gefangen in der eigenen Weltanschauung. Wenn das Wetter ihnen nicht passt, sind die Autofahrer Schuld, weil sie erstens gerade da sind und zweitens für den Klimawandel zuständig sind, den Mutter und Tochter im nächsten Atemzug wieder verleugnen können. Und wenn das Wetter schlecht ist, sind die Jack Wolfskin Jacken doof, weil die Kapuze so weit ins Gesicht ragt, dass sie nichts mehr sehen können. Wenn ihre Lieblingsserie auf ZDF ausfällt, weil Skispringen läuft, ist das eine furchtbare Unverschämtheit, die dazu führt, dass sie bei Open Petition eine Petition starten, die zum Ziel die Abschaffung der GEZ Gebühren hat. Weil beim Bäcker das heißt geliebte Franzbrötchen gerade ausverkauft ist, verfluchen sie die Ungerechtigkeit dieser Welt, die ihnen in Gestalt einer Nachbarin begegnet ist, die sie gebeten hat, kurz ein Auge auf die Tasche zu werden bis die eine Nachbarin einer anderen Nachbarin geholfen hat, die steile Treppe herunter zu gehen. Denn ganz sicher hat genau in der Zeit jemand Mutter und Tochter die letzten Franzbrötchen weggekauft. Ohne Franzbrötchen und dann auch noch bei schlechtem Nieselwetter mit der Straßenbahn unterwegs, die wie immer unpünktlich kam, worüber sich Mutter und Tochter bereits lauthals beschwert haben (Zu spät und mehr Geld wollen sie auch noch!). Der erste Ärger mit dem Ticketautomaten hat sie Blut lecken lassen. Heiß auf mehr suchen sie sich zielsicher die Garderobenschränke, die defekt sind – sie kennen sich gut aus, denn jedes Mal sagt die Mutter zur  Tochter ohne sie dabei anzusehen, dass die Tochter die 47 gar nicht auszuprobieren brauche, da die hier ja ohnehin nie irgendetwas reparieren würden (Nicht einmal für funktionierende Spinte haben die in dieser Stadt Geld! Hauptsache zwei Straßenbahngeschäftsführer! Und diese Steuererhöhung! Die glauben doch nicht ernsthaft, dass sich jetzt hier noch Industrie ansiedeln wird).  Weitere Badegäste betreten die Umkleidekabinen, Mutter und Tochter grüßen mit Engelszungen und ich weiß genau, dass sie gleich aufs derbste über diese neuen Badegäste herziehen werden. In ihrer eigenen Sprache und mit funkelnden Augen. Es ist erstaunlich, dass aus diesen zeterstimmrigen Gefilden überhaupt so säuselnde Töne herauskommen können. Und es geht los, wie diese Frau nur mit so einem Bikini schwimmen könne, man sei ja nicht auf Bali. Ich finde der Vergleich mit Bali hinkt, ich hätte Mallorca gewählt, aber vielleicht machen die beiden gerne Urlaub auf Mallorca und wollten deswegen ihren Urlaubsort nicht als Vergleich hinzuziehen. Ich habe Vorurteile gegenüber Mallorcaurlauben. Alle die dort waren, schwärmen, wenn sie in Ferienhäusern gewohnt haben statt in Hotelanlagen zusammengepfercht worden zu sein. Trotzdem, wenn ich an Malle denke, rieche ich einen nach Bier stinkenden Swimming Pool mit Kokosölaugen auf der Oberfläche, ohne jemals dort gewesen zu sein. Ich glaube nicht, dass die destruktiven Symbiotiker egal welchen Geschlechts auf Malle Urlaub machen. Ich glaube, Urlaub stelle eine komplette Überforderung für diese voneinander abhängigen Typen dar. Ich glaube, es gibt dort viel zu viele Korrektive, Spiegel, Realitäten, die die eigene durch die Zweisamkeit gefestigte kollektive Identität ins Wanken und letztlich ins Umstürzen bringen würde. Ich stelle mir vor, dass destruktive Symbiotiker, wie auch viele andere, aus Sicherheitsgründen immer an den gleichen Ort fahren, um sich zu erholen von was auch immer.

Die Duschen im Schwimmbad betreten Mutter und Tochter zusammen, naturgemäß sind sie gleich schnell beim Umziehen. Kommen vergleichbare Symbiotiker mit mehreren, sind unter der Gruppe nur Geduldete, die echten zwei erkennt man schnell. Die Echten sind immer zwei – außer bei Cheerleadern. Sie kommunizieren in Codes. Über ein Netzwerk an verschiedenen instinktiven, mimisch kommunikativen Mustern die nur sie verstehen. Ein Blick, der nur einen Bruchteil einer Sekunde andauert, ein Zucken mit der Augenbraue, ein Wimpernschlag, ein Schulterzucken, eine bestimmte Art und Weise, sich die Haare aus dem Gesicht zu wischen reichen aus. Ich höre ein Räuspern und sehe, wie die Mutter fast schon angsterfüllt auf eine gertenschlanke nackte Frau mit sehr langen schwarzen Haaren in der Dusche blickt. Ohne ihre Tochter angesehen zu haben, folgt diese durch das Räuspern wie ich aufmerksam geworden, ihrem Blick. Ich verlasse die Duschen und stolpere ins Wasser.

In die Schwimmhalle stolziert die Tochter voran. Die Mutter folgt der Tochter stolz in ihrem Windschatten. Im Wasser beanspruchen sie direkt zwei Bahnen für sich (Wir waren zuerst hier, wir trainieren hier für etwas Großes, ihr alle hier stört uns nur. Aber wir, wir lassen uns nicht stören). Sie blockieren den Rand und wirken dabei wie Turnierschwimmerinnen, deren Präsenz hier im Wasser selbstverständlich ist. Die Tochter trägt einen richtigen Anzug, ich würde behaupten, einen Olympionikinnenbadeanzug. An den Seiten sind schwarz-rot-goldene Adidas-Ringe. Besonders ist dieser Anzug vor allem deswegen, weil weder Mutter noch Tochter tatsächlich schwimmen. Ihr Schwimmverhalten beschränkt sich auf eine Bahn pro circa zehn Minuten. Die Tochter schwimmt schnell und sportlich in etwas, das unter trainierteren Umständen als Delfinstil bezeichnet werden könnte. Tochter voraus, Mutter folgt. Am Beckenrand angekommen, wartet die Tochter auf die Mutter, die sich ohne Blicke und weitere Worte neben ihre Tochter an den Rand lehnt. Schon wird berichtet, was sie in dieser einen aktiven Bahn gesehen und erlebt hat. Ich höre, wie die Tochter sagt, na hoffentlich habe sich die die eine Badehaube aufgesetzt, damit sie nicht die ganze Zeit über Haare fressen müsse. Vielleicht entspricht der Zehnminutentakt dem Zeitraum bis ihnen das Gesprächsthema ausgeht. Schwimmend holen sie sich neues Futter für die Gespräche. Um die degradierende Konversation, die sie schon seit Jahren führen, am Laufen zu halten. Denn so sehr sie diese Gespräche brauchen, so schwierig ist es auch, länger über lange schwarze Haare zu reden. Der Echauffierfaktor ist doch eher gering und sie brauchen mehr Stoff. Sie lästern über alles und jeden (Respekt, dass die Fette hier wirklich versucht, ihren Schwabbel anzutrainieren, wirklich toll. Gibt ja auch andere, die bleiben einfach auf der Couch liegen.), gehen in die vollen (So einer Mutter müsste man das Kind wegnehmen, wenn mein Kind in dem Alter noch nicht schwimmen könnte, würde ich mich aber schämen.), fühlen sich von anderen Schwimmern angegriffen, pöbeln aber nicht herum, sondern bleiben unter sich (Hast du das gesehen? Beim nächsten Mal sag ich aber was!). Sie geben sich immer zu Recht, lachen nie außer über andere. Sie strahlen aus, wir sind etwas Besseres. Als hätten sie nicht den Weg über den Ticketautomaten, durch das Drehkreuz, die Umkleidekabinen und die Duschen nehmen müssen. Sie sind die, die auf der Gästeliste stehen.  Während sie sich über eine junge Frau in der Dusche lustig machen, scannen sie die Schwimmenden auf potentielle Außenseiter, die ihnen für die Rest der Wasserzeit eine Gesprächsgarantie geben. Ich bin auserkoren. Selbstsicher und unfehlbar lassen sie sich ins Wasser gleiten. Es mag sein, dass die abfertigende Art und Weise, in der Mutter und Tochter um sich blicken, an dem Erscheinungsbild liegen mag, das von mir seit dem gestrigen Abend im Kaisereck übriggeblieben ist. Unzählige Alsterwasser, Sambuca mit Kaffeebohne und viel zu viele blaue Gauloises sorgen nicht nur für schlechte Haut und widerlichen Atem, sie zerstören jegliche Morgenfrische und Ausstrahlung. Im Wissen dass jedoch ein Tag vor mir liegt, an dem das mehrmalige Verlassen der Waagerechten des Bettes nur unter schwersten Bedingungen möglich sein wird und der Körper nach ungesundem Fast Food schreit, das die Situation in keiner Weise verbessern würde, habe ich mein Frack aufgerafft. Der Anblick des Häuflein Elends, das vermutlich immer noch komatös in meinem Bett Verwesung ausschnarcht, hat mich hochmotiviert, meinen von der durchzechten Nacht lädierten Körper im eiskalten Wasser des Südbads wiederzubeleben. Anfangs kann ich so tun, als würde ich deren Getuschel nicht auf mich beziehen. Jedes Mal, wenn sie hämisch lachend den Kopf in den Nacken werfen, kann ich tauchen und Schwung holen. Schnell weg von diesen bösen Hexen, die ihren Schwachsinn gegenseitig validieren. Sie sind wie die Royals, die sich qua ökonomischen Kapitals für etwas Besseres halten müssen. Nur, dass ausgerechnet diese beiden im gleichen Chlorwasser, das stets ein bisschen nach Harnsäure stinkt, schwimmen wie alle anderen auch. Genau hören kann ich sie nicht. Nur als die Mutter sagt, schau dir die Kraultechnik von der an und ich kann nur erahnen, wie es weitergeht. Die Tochter nickt, lacht, dreht den Kopf weit zurück, flüstert der Mutter etwas ins Ohr. Die Mutter beginnt zu grinsen, schaut ihre Tochter dabei nicht an, nickt und schickt der Tochter eine Erwiderung ins Ohr, woraufhin diese den Kopf zu einem Lachen zurückwirft, sich vom Beckenrand abstößt und den Delfin versucht. Na, wer im Glashaus sitzt, denke ich und schwimme ein bisschen schneller, um die Tochter zu überholen.

An diesem grauen Vormittag verlassen sie das Schwimmbad in ihren grauen Mänteln. Führen ihr graues Leben fort. Maike Luhmann sagt, einsame Menschen neigen dazu, ihrer Umwelt mit mehr Misstrauen zu begegnen. Zuhause wartet ein Mann mit Augenringen, der bedingt Ähnlichkeit mit meinem Freund hat. Wollen wir Pizza bestellen, fragt er und ich muss lachen.

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