Dienstpflicht – Am Anfang einer Dienstfahrt

Ich war eine linke Schülerin, dachte ich. Love, Peace & Unity, das Friedenszeichen und andere Symbole der 68er schmückten alle meine Schulsachen. Militär, Soldaten, Schuluniformen und überhaupt Einheitskleidung, alles waren Objekte meines unbedingten Widerstandes. Ohne zu hinterfragen, dass ja ein Guerilla-Kämpfer meinen Schulalltag in Form eines Che Guevara Stickers auf meinem Rucksack begleitete. In meinem bayerischen Apian-Gymnasium durfte die Bundeswehr einmal im Jahr für sich werben. Das Marketingteam der Bundeswehr hatte dann den gesamten Aulabereich der Kollegstufe in Anspruch genommen. Ein Museumsgang wurde aufgebaut. Tage vorher habe ich mir überlegt, welche Punkerklamotten ich anziehen, welche Schilder hochhalten, welche Friedensparolen ich raushauen werde. Die Bundeswehr fuhr schwere Marketinggeschütze auf. Bunte Hochglanzplakate mit gestochen scharfen Digitalbildern warben für die Bundeswehr als Arbeitgeber, die Bundeswehr als Hochschule, die Bundeswehr als Lebensretter, die Bundeswehr als Demokratiebringer, die Bundeswehr als Gleichstellungsmonopol, die Bundeswehr als Technisches Hilfswerk, die Bundeswehr als Katastrophenhilfe, die Bundeswehr als Stipendiengeber, die Bundeswehr als Musikförderer, schlicht, die Bundeswehr als Armee für alle, links, rechts, Mitte, unpolitisch, versifft, elegant, reich und arm. Auf einem Podium, das aus den schuleigenen stinkenden Stoffbühnenbauteilen bestand wurden weiße Decken ausgebreitet. Die Diskussionsrunden mit weißen runden Tischen geführt. Alles sehr reinlich. Ein Offizier war anwesend und viele Männer und eine Frau in Uniform. In Uniformen, die ziemlich chic waren: helles Hemd, gebügelt, dunkle Hose. So kannte ich die Bundeswehr nicht. Ich kannte die Bundeswehr nur von den jungen Männern, die in Wehrdienstpausen ihre alte Schule in Uniform besuchten. Das fanden sie anscheinend cool. Diese chice Bundeswehr war mir noch unsympathischer. Deren Uniformierung führte mir zum ersten Mal vor Augen, was für ein Riesenbetrieb die Bundeswehr war. Wie sehr sie sich in alle Teile der Gesellschaft ausgebreitet hatte. Bei den Werbeauftritten wurden Filme vorgeführt, über die im Anschluss diskutiert werden sollte. Ich kann mich an einen Film über‘s Panzerfahren erinnern. Während der ersten Sequenz habe ich schon laut protestiert, was denn das für eine geballte Ladung Bullshit ist, die wir hier gezeigt bekommen. Panzer fahren in friedlicher Mission durch die Eifel oder die Lüneburger Heide. Warum sollte man das tun? Panzer und Krieg, das gehörte und gehört für mich irgendwie zusammen. Ein Offizier erklärte mir ruhig, dass ich recht hätte, aber bedenken sollte, dass es durchaus Einsätze gebe, z.B. im Katastrophenschutz oder bei der Rettung, bei denen Panzer gebraucht würden, um auf unebenes Terrain vorzudringen. Ich sagte ihm, dass ich das verstünde, ein Panzer per se aber nicht für den Katastrophenschutz konstruiert worden sei. Der Offizier bejahte auch das und erklärte mir, dass die Anforderungen der Bundeswehr sich eben im Laufe der Jahre geändert hätten und sie auch lieber mit günstigeren Planierraupen führen, aber die kämen eben irgendwann an ihre Grenzen. Damit hatte er meinen Protest erst einmal zum Schweigen gebracht. Zu überrumpelt war ich davon, dass unser lauter Widerspruch akzeptiert war, ja sogar darauf eingegangen worden war. In der anschließenden Diskussion hat sich ein Mädchen, mit dem ich damals in der Theatergruppe war, genauer für die Arbeit als Panzerfrau interessiert. Ich war fassungslos. Ich hätte diesen Hemdträger*innen so gestriegelt wie sie waren am liebsten vor die Füße gekotzt. Dort, in der Aula meiner Schule, machte der Feind Werbung für die dunkle Seite der Macht. Sie wollten alle, die sich mit mir für eine linke, pazifistische Gesellschaft einsetzten mitschleifen, indoktrinieren. Begeistern für Krieg und kriegerische Einsätze, Katastrophenschutz hin oder her. Die Bundeswehr gehört nicht in Schulen, habe ich immer wieder laut skandiert. Zwei weitere folgten mir. Wir weigerten uns, von der improvisierten Bühne zu verschwinden. Ein Mini-Sit-in veranstalteten wir. Und wurden von der Veranstaltung entfernt. Von unseren Lehrer*innen. Später wurden wir auch von der Schule entfernt, für immer. Wahrscheinlich kann der Eklat bei der Bundeswehrshow-Veranstaltung als Vorbote für diese Rebellion interpretiert werden. Denn alle drei flogen wir von dem Gymnasium. Und haben aus heutiger Sicht einen besseren Weg für uns gefunden, ohne unsere Seelen verkauft zu haben. Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt. Auch später war jeder Mann, der in Uniform daherkam, für mich ein Rechter, vielleicht sogar ein Nazi. Ich unterstellte keinem Bundeswehrsoldaten eine linke Gesinnung. Wenn ich Männer kennenlernte, wurden nur die kontaktiert, die den Zivildienst gemacht hatten oder ausgemustert worden waren.

18 Jahre später, habe ich mit einem jungen Mann auf Twitter über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert. Er ist dagegen, ich bin dafür. Bin ich jetzt alt? Muss ich mir Sorgen machen? Was von und zu Guttenberg mit der Bundeswehr als Reform verpackt hat, ist mehr als kritisierbar. Heute finde ich, dass die Bundeswehr ein wichtiger Teil unserer sozialen Konstruktion ist. Mein Umdenken hat spät eingesetzt, mit einem Impulsvortrag von Willfrid Maier mit dem Titel „Republikanische Freiheit in der Krise“ auf der Sommerakademie der Heinrich Böll Stiftung am Potsdamer Griebnitzsee 2015. Willfried hat vier Erfahrungen des Gemeinsamen aufgezählt, die einen Weg aus dem negativen Freiheitsempfinden darstellen könnten und von denen die ersten drei die Frage nach der Dienstpflicht vorbereiten:

  1. Das Parlament sei eine Einrichtung der Differenz, nicht der Identitätsstiftung. Unangenehme Fragen zur Flüchtlingspolitik müssten im Parlament ausgetragen werden, um kein Gefühl der Alternativlosigkeit zu hinterlassen. Die nicht öffentliche Austragung des Flüchtlingskonflikts, die darauf zurückzuführen sei, dass keine Stimme der AfD im Bundestag vorhanden sei, habe die Spaltung gefördert.
  2. Die Substanz des Gemeinsamen müsse erfahrbar werden.
  3. Abgehängte Regionen, d.h. wirtschaftlich abgehängte Regionen seien die Hauptbasis für abgehängte Parteien.  Selbstständige Handlungen der Gemeinde müssen gestärkt werden.

Bevor Willfried den vierten Punkt referiert hat, hat er angekündigt, dass er sich damit wenige Befürworter*innen erschaffen wird.

  1. Da Wählen und Steuerzahlen als einzige öffentliche Tätigkeit wahrgenommen würden, in denen die Konstituierung der Republik als gemeinsames Projekt erfahrbar werde, sei ein verpflichtendes bürgerliches Jahr bzw. ein „verpflichtendes freiwilliges Jahr“ notwendig.

Der 1. Punkt hat sich seit 2017 geändert, die AfD ist jetzt im Bundestag und es ist eher schlimmer als besser geworden. Das Format der Sommerakademie hat es aber zugelassen, den Gedanken des verpflichtenden Jahres an unterschiedlichen Stellen wieder aufzugreifen, ohne eine normative Festschreibung eines solchen Jahres zu fordern. Im Nachgang an die Veranstaltung bewerte ich diesen extremen Ansatz als guten Ausgangspunkt, um sich Gedanken zu machen, inwieweit zivilgesellschaftliches Engagement attraktiver werden könnte. War der Zivildienst eine Alternative zur Wehrpflicht, so wurden bereits hier prinzipiell Frauen von der Verpflichtung am Dienst für das sogenannte Gemeinwohl ausgeschlossen. Dementsprechend muss ein verpflichtendes bürgerliches Jahr für Frauen wie Männer gelten. Bei einer solchen Überlegung darf hinterfragt werden, warum die Öffnung der Frauen für die Bundeswehr nicht gleichzeitig eine Wehrpflicht für Frauen hervorgebracht hat – ohne, dass hier schon die Abschaffung der Wehrpflicht kritisiert werden soll. Die Öffnung der Bundeswehr für Frauen war eine Errungenschaft für alle Gleichstellungsstreiter*innen. Dass Frauen plötzlich kombattant werden durften, ist und bleibt revolutionär. Das blöde Mantra „Frauen und Kinder“ zuerst konnte endlich überholt werden. Frauen können ihre Kinder nun selbst retten und ihre Männer noch dazu. LGBTI flutet die Bundeswehr, yeah! Wenn die Bundeswehr eine Armee der Toleranz, der Frauen, der LGBTI-Community wird, dann wirkt sich das auf die gesellschaftliche Realität aus. Idealerweise gibt es dann weniger Sexismus und weniger Diskriminierung. Es wäre eine bessere Realität. Vor dieser Chance stehen wir jetzt. Vor 18 Jahren habe ich Franziska, denn sie hieß wie ich, für ihr Ansinnen, Panzerfrau werden zu wollen, regelrecht verabscheut. Ich habe seit dem nie wieder mit ihr gesprochen. Bin wahnsinnig intolerant mit ihr in der Theatergruppe umgegangen – Theater spielen war wirklich auch nicht ihr Ding. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie frau Panzerfrau werden will. Panzer fahren ist für mich Welten entfernt von einer Appeasement Politik von peace enforcement und von einer zivilen Konfliktlösung. Ganz weit weg. Aber dieses Mädchen und ihre Wünsche gilt es zu respektieren. Besser, sie fährt Panzer bei der Bundeswehr als Panzer gegen Menschlichkeit an fiktiven Grenzen der AfD oder gegen Flüchtlingsunterbringungen. Wenn die Bundeswehr eine neue moralische Instanz in Deutschland wird, die Verantwortung für die europäischen Partner*innen übernimmt und ihre Alternative die Übernahme von gesellschaftlichem Engagement bedeutet, dann bin ich dabei.

Auf Twitter ist mir heute Respektlosigkeit vor dem Engagement und dem Verantwortungsbewusstsein heutiger Jugendlicher vorgeworfen worden. Ich kenne zwar wenige junge Leute, die gerne Heilerziehungspfleger*innen werden wollen. Ich sehe aber, dass viele gerne soziale Aufgaben übernehmen, helfen, für andere uneigennützig da sind. Es gibt dazu junge Menschen, die mit 16 mit der Schule fertig sind und überhaupt nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Ein Pflegeberuf? Viel zu anstrengend. Wehrdienst? Machen nur Idiot*innen. Was aber, wenn sie nun etwas tun müssen? Kann das nicht ganz viele junge orientierungslose Menschen auffangen? Es gibt viele junge Menschen, die mit wenigen Privilegien aufwachsen, für die ein Studium niemals in Frage kommen würde und schon gar keines, das sie nach Interesse auswählen. Die Pflicht, ein Jahr etwas für die Gesellschaft zu leisten, kann für diese jungen Menschen wegweisend sein. Sie können Selbstvertrauen entwickeln. Es gibt junge und ältere Menschen, die im Übrigen aktive Bedienung sozialer Netzwerke mit gesellschaftlichem Engagement verwechseln. Im Netz findet man wenige Anregungen, dafür, wie schwierig manche sozialen Berufe sind und wie erfüllend sie dennoch sein können. Viele Freund*innen haben einen Pflegeberuf oder Ähnliches ergriffen, weil sie ihren Zivildienst in einem solchen Bereich absolviert haben. Das kann klappen. Unter klaren Bedingungen:

  • Alle, egal ob Wehrdienst- oder Zivildienst- oder sonst irgendetwas Leistende erhalten mindestens 800€/Monat Aufwandsentschädigung.
  • Sie werden staatlich krankenversichert.
  • Eine begründete Verweigerung ist ohne bürokratischen Aufwand möglich, z.B. das Studium soll sofort aufgenommen werden, ein Ausbildungsplatz angenommen werden, Angehörige müssen gepflegt oder Kinder betreut werden, sowie weitere individuelle Gründe. Es gilt kein Zwang, sondern eine Pflicht, die man abschlagen kann.
  • Alle müssen an „awareness“- und Antirassismus-Trainings teilnehmen.
  • Es findet eine Sensibilisierung für Gleichstellungsthemen statt.
  • Geflüchtete über 18 sind von der Regelung betroffen.

Unsere gesamte Gesellschaft driftet seit geraumer Zeit nach rechts. Alle reden nur noch über „die Flüchtlinge“. Ein Dienstjahr nach der Schule ist eine Beschäftigungsstrategie, um wieder die Aufmerksamkeit auf andere Themen zu lenken. Pflegenotstand, Unterversorgung an Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen, die zu scheitern drohende Inklusion – all das könnte so wieder mehr Aufmerksamkeit erlangen. Die Bundeswehr ist eine Profi-Institution. Selbst wenn es einige Offiziere gibt, die keine Lust mehr haben, sich mit Wehrdienstleistenden, die nach ein paar Monaten wieder verschwinden, herumzuschlagen, werden sie so professionell sein, das zu meistern. Dazu kommt, dass aus einer kritischen Haltung gegenüber der Bundeswehr im Idealfall ein Geist zur aktiven Neuausrichtung entstehen kann. Die Bundeswehr könnte Potential für sich gewinnen, das die blinden Flecken der Bundeswehr markiert, aufdeckt und an einer Aufarbeitung teilhat.

Als Frau musste ich mich für ein freiwilliges soziales Jahr immer rechtfertigen. Ich war nie in der Pflicht ein solches Jahr zu absolvieren. Während andere schon ihr Studium anfingen, schneller in den Beruf kamen und schneller mit allem fertig waren in einer Leistungsgesellschaft, in der ein halbes Jahr über eine Rufannahme entscheiden kann, galt eine Frau im FsJ als Hippie auf einem Selbstfindungstrip. Auch das wäre mit der gleichberechtigten Pflicht für alle vorbei. Natürlich würde mein 18-jähriges Ich fluchen, schimpfen und diese Pflicht lautstark kritisieren, dagegen protestieren. Und ja, manchmal muss man unbequeme Wege gehen. 18 Jahre später wäre ich wie viele, die den Zivi mitgemacht haben, dankbar, für diese Erfahrung.

Liebe Kritiker*innen und Gegner*innen, kritisiert weiter die Pläne, damit eine Neugestaltung stattfinden kann. Wenn die ganze Diskussion am Ende dazu führt, dass der Bundesfreiwilligendienst reformiert wird, attraktiver wird, das freiwillige soziale oder ökologische Jahr zum Mainstream wird und die Bundeswehr auch auf ihre Kosten kommt, ist mir das auch recht. Aber bitte tun wir alle nicht so, als sei es in diesen Tagen nicht endlich mal an der Zeit für ein radikales Umdenken. Denn wir haben ein Riesenproblem in unserer Gesellschaft, und das heißt AfD. Mir sind alle friedlichen Mittel Recht, um die AfD abzuschaffen.

 

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