Das schlechteste Buch, das ich jemals bis zum Ende gelesen habe – Eine Rezension

Das schlechteste Buch, das ich jemals bis zum Ende gelesen habe – Eine Rezension

 

Ja, ich habe „NSA“ von Andreas Eschbach gelesen. Viele werden sagen, warum machst du das denn? Du weißt doch, was du von solchen Bestsellern erwarten kannst. Auch dieses Buch wird ihn bald haben, den Spiegelbestsellersticker. Und der Spiegelbestsellersticker ist mit der Warnung vor dem schlechten Buche gleichzusetzen. Ja, ich wusste, worauf ich mich einlasse. Ich kenne Andreas Eschbach, sonst wäre ich nicht schon zum zweiten Mal abends mit ihm ins Bett gestiegen, um bei seiner einseitigen Metaphorik zu bleiben. Das Gewicht dieses Manneswerks zwischen meinen Händen, gigantisch übrigens, kam mir bekannt vor. Zu schwer, um wach zu bleiben, zu schlecht, um zu schlafen. Grundsätzlich bevorzuge ich Frauen. Frauen wissen besser, was Frauen brauchen. Wie Frauen ticken. Aber Andreas Eschbach hatte schon einmal eine gute Idee und weil er sie tatsächlich bis zum Ende aufgeschrieben hat, ist er wer im deutschen Schriftstellertum.

Wir durften in der Oberstufe als Schullektüre „Eine Billion Dollar“ lesen. Die daran anknüpfende, fächerübergreifende Beschäftigung mit dem Welthunger, den negativen Auswirkungen des Kapitalismus und die Globalisierungskritik haben mein Denken nachhaltig geprägt. Das Buch ist heute genauso aktuell wie damals. Aber irgendetwas muss mit Andreas Eschbach passiert sein. Das Alter? Bei „Eine Billion Dollar“ war er 18 Jahre jünger, also 42. Jetzt ist er sechzig und ich erlebe immer wieder, dass Männer mit Mitteendefünfzig komisch werden. Was hat, vor allem in der ersten Hälfte von „NSA“ diesen Andreas Eschbach geritten?

Geht es in „NSA“ um eine historische Fiktion? Was wäre, wenn es Facebook und digitale Ausspähmöglichkeiten nach heutigem Standard zwischen 1933 und 1945 gegeben hätte? Geht es um die Protagonistin Helene Bodenkamp, die Grauesmäuschenprogrammiererin, die ständig unter sexuellem Notstand leidet? Oder um den Antagonisten Eugen Lettke, der eigentlich die ganze Zeit nur Frauen brutal vergewaltigen will. Ein Böser, der Autor und Werk gleichsetzt, aber die Frage, ob Eschbach mit dem Roman seinen ungelebten sexuellen Fantasien Raum verschafft, drängt sich auf. Bloß, wenn Männer über den Sex von Frauen und das sexuelle Verlangen von Protagonistinnen schreiben, erzeugt das in mir regelmäßig Störgefühle: Helene Bodenkamp, die vom ersten Mal so angefixt ist, dass sie der Versuchung nicht stehen kann, Kondome zu klauen: „Doch nun wusste sie: Das reichte nicht. Das reichte ganz und gar nicht.“ Damit sind zwei verbrauchte Kondome gemeint. Insofern ist der Plot an der Stelle nett, weil er aus dem Klischee springt, dass die arme Frau gleich nach dem ersten Mal schwanger wird. Der Figur der Helene wird ein gewisser Intellekt zugesprochen. Blöderweise wird sie beim Kondomklau halt bloß erwischt, von Eugen Lettke. Ihr Sexualpartner ist Artur Freyh. Die Figur, deren einziger längerer Dialog mit Helene wirklich interessant ist. Er schreibt eine Abschlussarbeit unter Verwendung der Methode der „spekulativen Geschichte“ und da er der Frage nachgeht, was gewesen wäre, wenn Charles Babbage die Analytische Maschine nicht gebaut hätte, liegt die Interpretation nahe, dass Eschbach sich selbst als Artur Freyh in „NSA“ verewigt hat. Dann haben Helene und Artur Sex und von da an es nur noch um die Befriedigung der Geschlechter. Der arme Artur, wird Helene als „Verhungernder“ mangels Kondome in die Kunst des Oralverkehrs einführen. Dieser Oralverkehr reicht der sextollen Helene aber nicht aus, denn sie will „seine ganze Männlichkeit, seine Kraft und sein Ungestüm in sich spüren“. „Ungestüm“ … So etwas kann nur ein Mann schreiben. Was insofern verstört, da der auf den Sexgott reduzierte Artur eigentlich als Dissident ständig akut in Lebensgefahr schwebt und sich über mehrere hundert Seiten auf dem Dachboden eines Stallgebäudes verstecken muss. Im Hintergrund werden Juden und Kommunisten in Konzentrationslagern brutal ermordet und Weimar wird von den Briten bombardiert, aber Helene ist nun eingeführt in die „Schwesternschaft derer, die eingeweiht waren in die geschlechtlichen Geheimnisse“. Helene ist nach dem Ertapptwerden sogar beleidigt, weil sie ihr Vorgesetzter, Eugen Lettke, nicht vergewaltigen möchte. Eine Frau, die gekränkt ist, weil ein Mann sie nicht zum Sex zwingen will und deshalb an ihrer Figur zweifelt. Puh, das denkt sich nur ein Mann aus! Lieber vergewaltigt von der Figur des Eugen Lettke, der nach einem Testosteronschub, ausgelöst durch eine weitere Vergewaltigungsmöglichkeit, die sich ihm eröffnet hat, stinkt wie ein „Stier“. Das kann Helene riechen. Eine Frau, die ein Erfolgserlebnis hat und das Gefühl, beruflich etwas erreicht zu haben, mit dem Gefühl beim Orgasmus vergleicht. Mann, Eschbach sollte nicht von sich auf andere schließen. Oder die unterstellte These, dass Frauen, die von Eugen Lettke vergewaltigt werden, tatsächlich Gefallen daran finden, weil er ja ein geiler Typ ist.

In einem Interview im Deutschlandfunk sagt Eschbach:

Und eigentlich ist es, muss man, glaube ich, sagen, es ist eigentlich nicht wirklich ein Roman über die Nazizeit, sondern man kann die Frage ja auch umgekehrt stellen: Was wäre, wenn unsere heutige Technik in die Hände einer totalitär gesinnten Regierung fiele. Und dass das mal wieder passiert, ist ja heute nicht so unvorstellbar.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/andreas-eschbach-ueber-sein-buch-nsa-nationales.1270.de.html?dram:article_id=430657

 Und dann fragt der geneigte Leser sich: Na, mit welcher Technik arbeiten „totalitär gesinnte Regierungen“ denn bitte sonst? Die werden ihre Manifeste wohl kaum mit der Hand. ISIS wird nicht mit der Schreibmaschine tippen und auch Anis Amri hatte ein Smart Phone. Auch in einem Atomkraftwerk wird übrigens vermutlich das Betriebssystem Microsoft genutzt. Können nicht fast alle Staaten längst ihre Leute überwachen? Die einzige in dieser Szene vorhandene Metapher, die man in diesem Zusammenhang eventuell noch als schlau herausstellen könnte, ist das Allsehende auge. Dieses soll zur Entwicklung der Atombombe auf deutschem Boden führen soll. Da denkt man an das Panoptikum, das in Konzentrationslagern wie in Sachsenhausen zum tatsächlichen topographischen Architekturmerkmal geworden ist. Theoretisch will er den Roman damit sogar drastisch beginnen lassen: Ein im nationalsozialistischen Sinn genialer Einfall führt dazu, dass Versteckte Juden in Amsterdam gefunden werden. Um Himmler zu beeindrucken, wird das Versteck der Anne Frank in der Prinsengracht durch einen Programmiertrick enttarnt. Der „Komputer“ findet die jüdische Familie. Eschbach unterschätzt auch hier die Nazis in „NSA“ enorm. Seine Waswärewennthesen waren faktisch so. Anne Frank wurde auch ohne Programmiersprache gefunden und ermordet. Auch ohne Facebook können Massenvernichtungen, Genozide durchgeführt werden. Das schmeckt uns nicht und es gibt berechtigte Kritik an Internetmonstern wie Google und deren Ausspähmacht. Aber „NSA“ steckt so in der sexuellen Phase fest, dass das Buch keine Chance hat, einen Plot jenseits von männlich interpretierten weiblichen Orgasmen und sexualisierter Gewalt zu entwickeln.

 

Andreas Eschbach (2018): NSA, Köln: Lübbe.

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