Schwimmbadgeschichten, 10. Kapitel

Planschende Polizei

Das erste Mal, als ich Polizisten beim Planschen beobachtet habe, konnte ich deren Identität erst nach Verlassen des Schwimmbads bestätigen. Dort stand ein Sprinter der Polizei, ein Sixpack, ein Polizei-Van. Erahnt habe ich das bereits am ganz speziellen Habitus der planschenden Polizistinnen und Polizisten: Polizei schwimmt im Südbad nur im Rudel und das verdammt selbstbewusst. Eng aneinander sitzen sie am Beckenrand, gehen niemals über die Badeleiter ins Wasser, stoßen sich mit großer Kraft vom Beckenrand ab, schubsen sich oder springen sogar das strikte Verbot ignorierend vom Beckenrand. Manchmal ist eine Polizistin dabei. In der Regel ist die Truppe aber männlich. Sie springen mindestens vom Einmeter, gerne von höheren Sprungtürmen, wie Kunstspringer, ohne Zögern oder Zweifel, artistisch. Sie schwimmen und planschen rhythmisch. Sie treibt ein Beat an, den nur sie hören können. Sie sind jung und sie sind laut. In ihren Köpfen laufen die Toten Hosen, die Beat Steaks und hoffentlich kein Rechtsrock. Nur Rock, Punk Rock im Staatsdienst. Sie strahlen Unantastbarkeit aus. Sie sind verdammt unverwundbar. Sie verstehen sich blind. Sie erzählen sich schlechte Polizeiwitze wie „Klopf Klopf – Wer ist da? – Polizei, aufmachen! – Wir brauchen keine Eier! –  Wir haben keine Eier! – Ich weiß!“  oder „Was sind die vier schwersten Jahre für Polizisten? – Die erste Klasse.“ und lachen sich so herzlich kaputt, mit weit aufgerissenem Mund und diesem ansteckenden bellenden Lachen, dass alle um sie herum merken, dass sie nicht über die Pointe lachen, sondern dass hinter dem Witz ein Insiderwissen steckt, das Außenstehende nicht verstehen können. Sie gehören alle zum inner circle und wir nicht. Sie sprechen eine Geheimsprache. Frauen und Männer aus Stahl, die sich so selbstsicher bewegen und planschen, wie gut durchtrainierte Labradore, die nach einem langen Lauf an einem heißen Sommertag endlich ins kühle Nass springen dürfen. Nur einmal kamen Polizisten, von denen wollte ich in einem Notfall lieber nicht gerettet werden. Ich vermute, dass ein Zusammenhang zwischen Dienstgrad und körperlicher Verfassung der Polizisten besteht. Es ist ja nicht so, dass sich die desaströse Haushaltslage dieser Stadt nur auf das städtische Schwimmbad auswirkt. Die Pleite kommt ja nicht von ungefähr. Alles Öffentliche und damit auch die Polizei ist mindestens genauso marode wie dieses Südbad. Insofern sind kaputt gesparte Polizei und mega sanierungsbedürftiges Schwimmbad Symbole für die Verwaltung des Missstands, die Mängelverwaltung, den Sanierungs- und Investitionsstau in Städten im Nothaushalt, kurz für den Zerfall öffentlicher Einrichtungen trotz gefüllter Taschen im Bund. Bei einer Demo gegen Pegida, also einer Gegendemo gegen die von Pegida geplante Demo gegen eine geplante Flüchtlingsunterbringung, habe ich mich länger mit einem Polizisten unterhalten, der mir erzählte, dass sie für so einen Unfug eigentlich keine Kapazitäten hätten. Unfug traf es, denn von Pegida stand genau einer da, mit einem Banner, auf dem die Deutschlandfahne und der Schriftzug „Gegen die Ilsamisierung des Abendlandes“ [sic!] handschriftlich zu lesen war. Zuerst habe ich gedacht, der Mann demonstriert mit uns gegen Pegida. Aber ungefähr dreißig Polizisten, Bereitschaftspolizei, ein Anti-Konflikt-Team und Männer in zivil mit Knopf im Ohr standen zwischen dem Mann und uns circa 200 Gegendemonstranten, darunter Antifa und noch mehr Polizei in zivil. Wir mit einer PA-Anlage, aus welcher der von umAs (unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen) aufgenommene Peace Song „peace4all“ blechern dröhnte, sowie mit selbstgebastelten Transparenten, auf denen Sprüche wie „Nazis – Nein danke!“, „Odin sagt kein Platz für Nazis in Walhalla“ – durch dessen Rückseite noch „Bundeswehr raus aus Afghanistan“ schimmerte –, „refugees welcome“, „FCKNZS“, „Wir haben in unserer Nachbarschaft lieber 1000 Flüchtlinge als 1 Nazi“, „Peace not war“, „Unsere Nationalität: MENSCH“ abgebildet waren, mit einer riesigen Regenbogenflagge und mit der 78-jährigen Vorsitzenden des Friedens- und Ostermarschforums, die sich sobald der Song „peace4all“ verstummt war, das Mikro schnappte und ein selbstgedichtetes Friedenslied vortrug oder vorsang, in dem es um Menschen, Kinder, Liebe, Bienen und irgendwas mit Bäumen ging. Spätestens da konnten sich einige Polizistinnen und Polizisten ein Schmunzeln nicht verkneifen. Später fragte einer: „Ich bin ja echt auf eurer Seite, aber meint ihr nicht, dass das eher auf Leute, die euch unterstützen könnten, abschreckend wirkt? Da macht doch keiner mit, wenn da so eine, die in 68 hängen geblieben ist, immer noch ihre Friedenslieder trällert.“ Er hat mir dann noch erzählt, dass von seinen Kollegen sehr viele sehr sauer waren, nachdem eine Gegendemo angemeldet worden war, weil das für sie viel mehr Arbeit und Überstunden für einige bedeute. Aufgrund der schlechten personellen Ausstattung der Polizei würde das dazu führen, dass gerade die Jungen und Auszubildenden bis zu 36 Stunden Schichten schieben mussten. Zum Schluss sagte er noch, dass der eine sogar heute an seinem Geburtstag hier sei, er habe sich sogar freiwillig gemeldet. Während er diese Worte sprach war es kurz ganz still um uns und diesen letzten Satz hörten einige andere Aktivisten, die gleich der Friedensbewegten das Mirko wegschnappten und skandierten: „Hört ma alle her, der Bulle hier, der hat heute Geburtstag! Dat find ich ja klasse, dat Se heute an ihrem Ehrentach auf uns aufpassen tun. Mensch, da singen wa jetzt alle ma `n herzliches Häppy Börthday to you!“ Die Friedenssängerin sang die ersten Töne an, die Masse stieg ein und folgte mit einem weiteren „Hoch soll er leben“ sowie „Schön, dass du geboren bist“. Der Pegidist packte unterdes seine Habseligkeiten ein, verstaute sie in seinem Seat Leon, auf dessen Heck verkehrt herum eine Deutschlandfahne klebte, und fuhr davon. Der Polizist versank vor Scham im Boden.

Frau Polizistin hat in der Regel einen Ganzkörperanzug von Adidas oder Speedo an. Sie sieht damit aus, als würde sie gleich einen Tauchlehrgang besuchen und vielleicht macht sie das ja auch. Dadurch verringert sie die der Körperlichkeit geschuldete Distanz zu ihren männlichen Kollegen. Hier im Bad sind die Uniformen abgelegt, sie tragen ihre privaten Badesachen, sind eigentlich inkognito und doch schnell entlarvt. Sie klopfen sich gegenseitig auf Schultern, Oberschenkel, Bäuche, Oberarme, Männer umarmen sich, döppen sich gegenseitig, machen sich Komplimente und muntern sich auf: „Ey, das macht voll Bock, musste auch mal probieren, mit dem Kopf zuerst und im letzten Moment die Arme vor, voll geil! Komm, versuchs! Ich zeigs dir! Schaffste, is voll easy!“, wenn sie vom Dreimeterbrett springen. Sie sind schrill und erzeugen im ersten Moment eine kurze Nervosität unter den Schwimmenden, die vergleichbar ist mit der erhöhten Aufmerksamkeit, wenn man an einer großen Gruppe Jugendlicher vorbeigeht, die alles, aber auch alles ins Lächerliche ziehen, was die Kids sehen: „Alter, lauf mal schneller!“, „Boah, wat ne fette Nase!“, „Haste den Arsch gesehen! Woooah! So groß wie ein Reifen von nem Q7!“, und man selbst von deren Lästerei verschont bleiben möchte. Genau das machen Polizistinnen und Polizisten aber nicht. Sie sind für sich da und scheinen die Außenwelt überhaupt nicht wahrzunehmen, sich nicht für andere zu interessieren. Im Becken war derweil der Siedepunkt erreicht und die durch die Polizei erzeugten Bewegungen brachten das Wasser zum Sprudeln. Wenn das Wasser vor Aktivität sprudelt, ist auf einen immer Verlass: Den Sportsgeist! In einem solchen Whirlpool wird ein jeder Sportsgeist durch den Anblick der durchtrainierten Körper besonders angespornt. Wie wenn ein gutes Fußballländerspiel läuft und der Wunsch, selbst so schnell rennen zu können, sich ins Unermessliche steigert. Es muss ein Länderspiel sein, in einem Bundesligaspiel sind die Profis einfach zu schnell, das kann sich niemand, der auch nur einen Funken Selbstreflexion besitzt, selbst zutrauen. Die Realität holt einen spätestens beim Bäcker ein, wenn man in der Scheibe kurz sein eigenes Spiegelbild sehen kann.

Die Polizei hat im Wasser eine so einnehmende Präsenz an Sportlichkeit und Athletik, dass die 25 Meter einer Bahn wie ein Katzensprung wirkt. Die Polizisten können eine Bahn mit zwei Atem- und zwei Armzügen vollenden, perfekt wenden und wie ein Delfin die nächsten 25 Meter in null Komma nix zurücklegen. Mein Sportsgeist war beeindruckt, ächzte und schnaufte, um ansatzweise mit einer solchen Bestzeit mithalten zu können.

Die badende Polizei ist aufgrund ihres Rudelverhaltens im Gegensatz zum großen Rest der Schwimmbadbesucher nicht einsam. Das macht neidisch. Die hier sind Post-Facebook, die haben soziale Netzwerke nur nötig, um Bürgerinnen und Bürger vor ernsthaften Bedrohungen zu warnen, „Falschfahrer auf der A45 bei Hagen“ zur Umkehr zu bringen und die anderen Autofahrer zu beschützen, jemanden zu suchen „Polizei fahndet nach diesem Mann“ oder von Erfolgen zu berichten „Polizei rettet Rentnerin vor Trickbetrüger“, sie brauchen keine privaten Accounts, denn sie haben sich. Sie sind Familie. Genährt wird diese Vorstellung durch den Van, der vor dem Schwimmbad auf die Truppe wartet: Das Komische daran ist, dass die nach ihrem Bad wieder geschlossen zu viert, zu fünft oder sogar zu sechst in diesen Van zurückkletternden Polizistinnen und Polizisten irgendwie an Hippies oder zumindest an Festival-Besucher erinnert. Plötzlich sind sie mir sympathisch. Ich stelle mir deren Leben wie eine Kommune mit Rainer Langhans und Fritz Teufel vor. Ich stelle sie mir kiffend, mit Klampfe in der Hand, Simon & Garfunkel und „I shot the sheriff“ singend im Mannschaftswagen vor, wie sie mit Peace, Love and Unity in Brennpunkte fahren, Regenbogen- und Atomkraft-nein-Danke-Buttons an der Uniform, Gewaltfreiheit und Weltfrieden propagieren: Singt mit uns ein kleines Lied, dass die Welt in Frieden lebt. Ich stelle mir eine Einhorn-Armee gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt vor. Ich stelle mir Polizistinnen und Polizisten auf Einhörnern vor. Projektionen, nichts als Projektionen und falsche Unterwasserspiegelungen der Realität. Ich weiß. Angesichts der Schlagzeilen „Sex am Zaun, Gruppenpinkeln, Sachbeschädigung“, die sicherlich ein hochgradiger Euphemismus gewesen ist, zum G20 Einsatz einer Polizeieinheit, ist ein Vergleich zwischen der Polizei und einer Kommune der Friedensbewegung schwer vorstellbar. Wobei die Geschichte uns ja gelehrt hat, dass der Einsatz für Frieden und Gleichberechtigung auch in der Gründung der RAF enden konnte. Na, das führt zu weit, die Vorstellung einer Hippie-Polizei, die gegen die alten Traditionen der Großvätergeneration durch passiven Widerstand aufbegehrt, der irgendwann in bewaffnetem zivilem Ungehorsam endet. Quatsch. Ich konzentriere mich besser aufs Schwimmen. Aber ganz lässt mich der Gedanke nicht los, denn beim Verlassen des Schwimmbads, werfe ich einen letzten Blick auf den Polizei-Van und was sehe ich da auf der Hutablage? Ein Plüsch-Einhorn.