§219a – When they go low, we go high

Jens Spahn macht sich mit der Studie zu seelischen Folgen von Abtreibungen zum Maskottchen der Pro-Life-Bewegung. 5 Millionen Euro im Dienste des Nazi-Paragraphen 219a. Dass im 21. Jahrhundert ein Paragraph, der im Mai 1933 totalitären Nazi-Regime eingeführt worden ist, einen solchen Aufwind erhält, ist gelinde gesagt furchterregend. Wir, die wir so viel gelernt haben wollen, aus der NS-Diktatur, die wir so oft „Nie wieder!“ rufen und eifrig Stolpersteine putzen, müssen jetzt diese hausgemachte und staatlich institutionalisierte Verachtung der Selbstbestimmung von Frauen ertragen. Dass im Bundestag eine Debatte geführt wird, in der die Meinung der betroffenen Frauen einfach übergangen wird, raubt jeder selbstbestimmten Frau die Stimme. Wir dürfen jetzt nicht sprachlos bleiben! Es ist nicht das Vorrecht der Männer, über die Selbstbestimmung von Frauen zu verhandeln. Die Selbstbestimmung von Frauen ist nicht verhandelbar!

Es gibt 1 Millionen Gründe, warum Frauen, eine Abtreibung vornehmen lassen. Jeder einzelne dieser Gründe hat seine Berechtigung. In einer Bar, in der keine Gesetze geschrieben werden, können alle, die mit den Handlungen von anderen nicht einverstanden sind, laut darüber lästern und diskutieren. Sie dürfen eine Abtreibung verurteilen, mit dem Kopf schütteln oder ihr Unverständnis kundtun. Sie können dort auch die andere Seite sehen, Verständnis äußern oder feststellen, dass es sie im Prinzip nichts angeht. Bargespräche sind nicht steuerbar. Politische Reden jedoch schon. Im deutschen Bundestag haben der Klatsch und der Tratsch, das Gerede, das anschwillt, wenn irgendetwas passiert, die Lästerei nichts verloren. Wer im Bundestag mit dem Schutz des ungeborenen Lebens argumentiert, kopiert ohne Wenn und Aber den Jargon der Pro-Life-Bewegung. Im Bundestag wird von Mitgliedern der CDU/CSU, so getan, als werde hier eine Flatrate auf Abtreibungen verhandelt. Als ginge es darum, Abtreibungsstandorte besonders attraktiv zu machen und durch Werbung Frauen zum Abtreiben zu motivieren. Diese Sätze überhaupt zu formulieren ist vollkommen paradox.

Niemand darf so tun, als könne eine Frau nicht selbst entscheiden, ob sie eine Abtreibung für richtig oder für falsch hält. Jens Spahn lässt 5 Millionen Euro in eine Studie fließen, deren Ergebnis schon längst feststeht. Wird diese Studie berücksichtigen, dass jede vierte Frau eine Fehlgeburt erleiden muss? Dass also rein rechnerisch jede vierte Abtreibung auch eine Fehlgeburt hätte sein können? Dass eine Abtreibung aus medizinischen Gründen eine Frau oder eine Familie vor einer solch niederschmetternden Erfahrung bewahren kann? Dass eine Frau, die damit besonders gut umgehen kann, möglicherweise über ein besonders hohes Maß an Selbstheilungskräften verfügt? Dass es Frauen gibt, die abtreiben, weil sie einen Mann haben, der sie unter Druck setzt? Und dass eine Frau nicht begründen muss, warum sie abtreibt, weil das niemanden etwas angeht? Mit dieser Studie werden wir in eine Zeit zurückversetzt, bei der wir schon so oft „Nie wieder!“ gerufen haben. Die Pro-Life-Bewegung hat offensichtlich im deutschen Bundestag eine Lobby erhalten und das spricht Bände über den Zustand der Großen Koalition.

5 Millionen Euro für eine Studie, die jede Frau beleidigt und diskriminiert. 5 Millionen Euro darüber, dass Männer die Kontrolle über das einzige Privileg, welches Frauen gegenüber Männern haben, beibehalten. 5 Millionen Euro, die als Investition in die städtischen Kitas nur einer einzigen deutschen Stadt, die Lebensbedingungen von Kindern so viel besser machen könnten. Statt den Geldhahn für frauenverachtenden Unsinn auszugeben, der höchstwahrscheinlich noch von Männern erforscht wird, sollten sich die Männer in ihren Anzügen zurücknehmen und kompetenten Leuten Geld in die Hand geben, um Deutschland zu einem familienfreundlichen Land zu machen. Wer diese Studie unterstützt, ist ein Feind der Frauen und hat nichts in einem deutschen Ministeramt verloren.

When they go low, we go high (Michelle Obama)

Es ist jetzt an der Zeit, dass sich die Frauenbewegung aufrafft und dieses männliche Dominanzverhalten unterbindet. Wir leben nicht in den USA, in denen Bewegungen wie Pro-Life in die höchsten Regierungskreise vordringen und sogar Unterstützung im Amt des Präsidenten finden dürfen. Wir müssen einer Regierung, die auf diesem Niveau debattiert unser Vertrauen entziehen. Alle Geschlechter müssen für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen einstehen. Wir dürfen uns kein Rollback nach 1933 erlauben. Nie wieder!

 

 

Bild:

woman with a pink hat and the text time is up

Von nito

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